Nein, bescheiden war der amerikanische Philosoph John Searle, der am 31. Juli seinen 80. Geburtstag feiert, noch nie. Auch sein jüngstes Buch Wie wir die soziale Welt machen geht aufs Ganze. Thema ist eine "Erklärung des Wesens und der Ontologie" unserer institutionellen Realität. Was sind Institutionen? Wie entstehen sie? Und wie sichern wir ihren Fortbestand? Man möchte meinen, diese Frage gehöre eher in den Bereich der Soziologie, der Politikwissenschaft oder vielleicht auch der Ökonomie, aber wer so denkt, verkennt die Tiefen, in denen Searle bohrt. Dass Institutionen einer "Ontologie" zugänglich sind, einer Lehre vom Sein, heißt nämlich, ihre Realität mit der Realität von Elektronen oder Protonen gleichzusetzen. Vehement verteidigt Searle die Annahme, es gebe nur eine Wirklichkeit, gegen dualistische Lehren, die Geist und Materie, Physisches und Psychisches trennen und so das scheinbar unlösbare Rätsel ihres Zusammenspiels in die Welt bringen.

Und doch trennt etwas Institutionen von Elektronen und Protonen: Sie sind von uns gemacht. Ohne unser Zutun gäbe es keine Währung, keine Kanzlerin und keine Ehe, keine Universität und keine Hausratversicherung. Wie aber gelingt es uns Menschen, all diese Dinge zu schaffen und damit in Abhängigkeit von unserem Wollen und unseren Einstellungen zu bringen und sie zugleich mit der Objektivität von Elektronen und Protonen auszustatten? Wie kommen wir dazu, Dinge zu schaffen, die nur existieren, weil wir das beschließen, die dann aber eine Macht gewinnen, die unabhängig von uns zu sein scheint? Das sind Fragen, die sich Searle schon in seinem Buch Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit von 1995 vorgenommen hat und die nun vertieft und ausgebaut werden.

Die aktuelle Antwort lautet: Wir verfügen über ein sprachliches Mittel, all diese Dinge in die Welt zu bringen, ein Mittel, das Searle "Deklarativa" nennt. "Ich verspreche es", "Ich entschuldige mich", "Ich befehle es" – das sind Sprechakte, mit denen etwas verwirklicht wird, was es ohne den Sprechakt gar nicht geben könnte: ein Versprechen, eine Entschuldigung, ein Befehl. Die Sprachphilosophie nennt das "performative" Sprechakte, und das Eigentümliche an diesen Sprechakten ist, dass sie eine Wirklichkeit repräsentieren, die durch sie selbst erst geschaffen wird. Dieses kreative Potenzial der Sprache hat Searle schon immer fasziniert. Berühmt wurde er 1969 mit der Studie Sprechakte, bis heute ein Klassiker der Sprachphilosophie. Wie wir die soziale Welt machen knüpft nahtlos an das frühe Buch an, aber auch an spätere Meilensteine wie etwa Intentionalität (1983), mit denen Searle seinen Ruf, zu den wichtigsten Philosophen der Gegenwart zu zählen, weiter festigte.

Wie aber gelangen wir allein durch einen spezifischen Sprechakt zu institutionellen Tatsachen wie dem Amt der Bundeskanzlerin? Searles Antwort ist schlicht und doch auch raffiniert: Wir deklarieren, dass es bei uns eine "Status-Funktion" geben soll, nennen wir sie Kanzlerin, die bestimmte Aufgaben für uns zu erledigen hat. Die fortlaufende Ausübung dieser Funktion hängt einerseits am seidenen Faden unserer Anerkennung, andererseits aber gehört zur Etablierung einer solchen Funktion die Bereitschaft, sie mit Macht auszustatten, mit Rechten und Pflichten. Nur weil wir einem Amt wie dem Kanzleramt diese Macht einräumen, kann das Tun einer Kanzlerin uns unabhängig von unseren weiteren Absichten und Neigungen Gründe zur Folgsamkeit liefern, Searle spricht von "wunschunabhängigen Handlungsgründen". Man sieht vielleicht die Pointe des Arguments: Status-Funktionen, die wir kollektiv kreieren, gewinnen durch uns die Macht, uns zu nötigen; wir können folglich die Vorteile, die wir uns von ihnen erhoffen, nicht ohne gewisse Nachteile erhalten. Searle: "Wenn ich einen Gegenstand ... als dein Eigentum anerkenne, räume ich zugleich ein, dass ich dazu verpflichtet bin, diesen Gegenstand nicht ohne deine Erlaubnis zu nehmen oder zu benutzen."

Auch wenn das unspektakulär klingen mag, ist damit die Idee verbunden, dass Gesellschaft eine "logische Struktur" hat. Wir können nämlich die Existenz von politischen Ämtern oder Eigentum nicht performativ deklarieren, ohne im gleichen Zug Rechte und Pflichten zu akzeptieren, die logisch aus dem gründenden Sprechakt hervorgehen. In diesem Sinne hängt der Faden der Gesellschaft ganz und gar an einer wundersamen sprachlichen Fähigkeit von uns. Das ist in Searles Augen ein Gedanke, den weder Aristoteles noch Durkheim, weder Weber noch Simmel, weder Bourdieu noch Foucault oder Habermas je wirklich gedacht haben.

Da ist er also, der unbescheidene, der großspurige Searle. Wer ihn live erlebt hat, sieht ihn vor sich, groß und stattlich, trotz vieler Lern- und Lehrjahre in Oxford mit starkem amerikanischem Akzent, ein bisschen wie ein Cowboy. Seit über fünfzig Jahren unterrichtet Searle an der Universität in Berkeley, Kalifornien, Kontroversen ist er nie aus dem Weg gegangen. Als der McCarthyismus das Klima auch an den Universitäten zu verderben drohte, engagierte sich Searle früh im Free Speech Movement und geriet in eine politische Rolle, die ihn bis zur Unterstützung der studentischen Protestbewegung der sechziger Jahre trieb. In der Philosophie selbst liebt Searle das klare Wort: Wo er Unsinn wittert, spricht er von Unsinn, ohne Furcht vor Namen und Reputationen. Legendär ist die Auseinandersetzung mit Derrida über die wesentlichen Segmente der Sprechakttheorie seines frühen Lehrers in Oxford, John Austin.

Natürlich hatten die Anhänger Derridas recht mit dem Vorwurf, Searle zeichne sich nicht gerade durch philologische Präzision aus – mancher Schuss des Cowboys trifft die auserkorenen Opponenten zu Unrecht. Searles Motto: "Wenn du es nicht klar sagen kannst, verstehst du es selbst nicht", maßt sich nicht ohne Arroganz an, über die Kriterien der Klarheit zu verfügen wie über ein Kochrezept in der Schublade. Aber man täusche sich nicht: Dass soziale Tatsachen bei aller Konstruktion durch uns objektive Kraft und Macht besitzen, liegt auch daran, dass wir sie gemeinsam schaffen und anerkennen. Jeder trägt zu ihnen bei. In der Welt des Geistes hieße das: Wer sich Philosoph nennt, akzeptiert die Verpflichtung, andere Philosophen ernst zu nehmen. Wie wir die soziale Welt machen enthält beispielsweise eine Auseinandersetzung mit Foucaults Machttheorie, die weitgehend auf Fußnoten und Zitate verzichtet, aber doch auf eigentümliche Weise einen Grundgedanken Foucaults aufnimmt und bewahrt. Der Sprachphilosoph Searle ist bekannt, auch der Intentionalitätstheoretiker Searle. Den Machtphilosophen Searle dürfen wir in diesem Buch jetzt entdecken.