Wir treffen Claudio Magris, 73, in seiner Heimatstadt Triest, wo der Schriftsteller, Essayist und Literaturwissenschaftler noch heute lebt. Magris kann mit Grund als euphorischer Europäer bezeichnet werden. In seinem Reisebuch über die Donau ("Donau. Biographie eines Flusses"; übersetzt von Heinz-Georg Held; Hanser, München 1988), das für großes Aufsehen gesorgt hat, beschwor Magris noch während des Kalten Krieges ein geeintes Europa. 2009 wurde Claudio Magris der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Zuletzt erschien von ihm "Das Alphabet der Welt. Von Büchern und Menschen" (übersetzt von Ragni Maria Gschwend; Hanser Verlag, München 2011).

DIE ZEIT : Herr Magris, wir sitzen im berühmten Café Tommaseo. Die Adria ist gleich um die Ecke, alle flanieren. Es ist fast ein wenig unwirklich, dass man derzeit von der größten Krise Europas seit Jahrzehnten spricht.

Claudio Magris: Ich hoffe ja, die Wirtschaftskrise mündet in einen föderalistischen Staat Europa mit entsprechenden Strukturen und Institutionen. Beinahe alle politischen Probleme, die wir haben, sind derzeit doch europäische Probleme. Eine nationale Einwanderungspolitik ergibt zum Beispiel gar keinen Sinn mehr. Aber das trifft auch auf andere Bereiche zu.

ZEIT:Triest scheint ein guter Ort, um sich über Europa und seine Literatur zu unterhalten. Es liegt heute im äußersten Nordosten Italiens, in unmittelbarer Nähe von Slowenien, Österreich und Kroatien. Triest war die enorm wichtige Hafenstadt der Donaumonarchie und ist von so vielen Völkern besiedelt gewesen.

Magris: Ja, die Spuren davon sehen Sie überall in der Stadt. Die zahlreichen Kaffeehäuser der Stadt etwa kamen natürlich aus Wien. Das Triest der Vergangenheit darf man sich allerdings als keinen sonderlich friedlichen Ort vorstellen. Sicher, die Multikulturalität hatte belebende, spannende Seiten, es gab sogar albanische Zeitungen hier, die Sprachkompetenz und -vielfalt war enorm. Andererseits waren die Ressentiments unter den Völkern in dieser Stadt groß, besonders zwischen Italienern und Slowenen. Das ist abgeklungen, und es wird friedlich bleiben, solange die Generationen noch am Leben sind, die Kriegserfahrungen gemacht haben.

ZEIT: Hängt es mit Triest und Ihrer Familie zusammen, dass Sie Deutsch lernten und schließlich Germanist und Dichter geworden sind?

Magris: Meine Mutter hat gut Deutsch gesprochen, mein Großvater, der Philosoph war, regelrecht perfekt. Italienisch und Kroatisch sowieso. Mein Vater wiederum sprach Italienisch, Französisch und Englisch. Viele Sprachen zu beherrschen war in der Generation meiner Eltern noch keine Absonderlichkeit. Als ich elf Jahre alt war, haben meine Eltern beschlossen, dass ich in der Schule unbedingt auch Deutsch lernen soll. Ich hatte zu meinem Glück einen Lehrer, der die Schüler völlig überforderte. Wir mussten schon bald die ZEIT lesen und Luthers Briefe. Das wäre heute unmöglich, sofort würden sich die Eltern zusammentun und klagen, dass die Kinder überfordert werden. Dabei lernt man nur durch Überforderung. Man muss ins kalte Wasser geschubst werden.

ZEIT: Unser Literatur-Kanon beschäftigt sich in dieser Ausgabe mit den sechziger Jahren. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Magris: Ich habe in Turin studiert, wo ich dann auch Dozent für deutsche Literatur wurde, zwischendurch war ich in Freiburg und hier in Triest. Die Studentenrevolte und die schrecklich militanten siebziger Jahre habe ich vor allem in Turin erlebt.

ZEIT: Waren Sie politisch aktiv?

Magris: Nicht im emphatischen Sinne. Ich war weder ein Verteidiger der ewigen Ordnung noch glühender Revolutionär. Sehr rasch hatte sich die Situation an der Turiner Universität zugespitzt. Ich habe im Rückblick weniger die sogenannte sexuelle Revolution und den kulturellen Aufbruch vor Augen, sondern den Terror, der unmittelbar folgte. Turin galt als Hauptstadt des Antifaschismus, die Roten Brigaden, die kommunistische Untergrundorganisation Italiens, verübten im Land Anschläge, Professoren hatten Angst um ihr Leben, sie galten schnell als Faschisten. Schlägereien auf den Universitätsfluren zwischen unterschiedlichen politischen Gruppierungen waren an der Tagesordnung. Mir war von Anfang an klar, dass die Radikalisierung keine Lösung sein kann, vor allem, dass die Roten Brigaden keine edle Truppe waren. Sie bekämpften nämlich nicht die Faschisten, wie sie behaupteten, sondern vor allem das linksliberale Milieu unseres Landes. Wissen Sie, was einer der schönsten Tage meines Lebens war?