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Nichts Spektakuläres in diesem Kurzroman: Am Anfang wird ein Verleger zu Grabe getragen, am Schluss ein Schriftsteller. Dazwischen reist ein junger Autor durch den deutschen Literaturbetrieb, hat gelegentlich Sex und macht sich so seine Gedanken. Das ist stellenweise amüsant, und mit hochgezogenen Brauen folgt man auch der intrikaten Konstruktion dieses Buches, aber ehrlicherweise ist zu sagen: Angelangt auf Seite 143, weiß man eigentlich nicht mehr, was man da genau gelesen hat und warum.

Michael Maar ist ein famoser Essayist und Literaturkritiker. Er hat über Thomas Mann , Vladimir Nabokov , über Marcel Proust und Harry Potter geschrieben, und nun trieb es ihn selbst unter die Romanciers, was ein großer Schritt für einen Kritiker ist, mittlerweile aber auch nicht mehr so schrecklich ungewöhnlich, angesichts der üppigen Romanproduktion von Journalisten und Publizisten. Und warum auch nicht? Die Genres gehören allen. Der Unterschied ist: Maar hat sich besser vorbereitet, möglicherweise zu gut. Er tritt mit mannschem und nabokovschem Rüstzeug an, lässt sich aber nicht auf ein größeres literarisches Gefecht ein: ein wahrhaft überschaubarer Plot, ein mittlerer Charakter in dessen Zentrum, eine kleine Welt, von welcher der Autor etwas versteht, will sagen der Literaturrummel mitsamt seinen seltsamen Figuren und Befindlichkeiten. Etwas Kleines also für den Anfang, nur keine weltanschauliche Überhebung. So viel Bescheidenheit ist neckisch. Das Buch ist eine einzige Captatio Benevolentiae.

Und was ziemte dem erzählenden Kritiker mehr als Anspielungsreichtum im Schlüsselroman. Maars Held ist Literaturwissenschaftler, der Autor einer Kulturgeschichte des Verrats, er ist außerdem ein Jünger der Literatur und anerkennt deren Hierarchien, vor allem aber publiziert er in jenem Verlag, bei dem man früher einmal sein musste, bevor dessen Kultur unterging. Insofern gehört Karl Lorentz bereits zum inneren Zirkel. Doch der Große Verleger ist gestorben, und Lorentz muss sich in die vaterlose Zeit hinüberretten. Prompt findet er Ersatz, den bedeutenden Schriftsteller Bittner, alt und eitel, vor erotischer Energie noch immer vibrierend, wenn auch die Schaffenskraft nachlässt.

Lorentz ist ein Verehrer, er ist auf der Suche nach Nähe und Nimbus, Bittner deutet sogar an, in ihm seinen künftigen Biografen zu sehen. Was nun beginnt, ist das kleine Phantasma dieses Romans, denn Lorentz, gewieft, ahnt die trügerischen Verstrickungen in ein fremdes Leben, das überdies der Fiktion gewidmet ist. Und doch zieht ihn sein Begehren genau dorthin. En passant erwähnt Bittner eine Tochter, die als Galeristin in Berlin arbeite. Ist dort nicht mehr über Bittner zu erfahren, seine wahre Wirklichkeit zu ergründen, jenseits der Nebelkerzen des Alten? Lorentz trifft die Tochter. Sie lebt mit einer Freundin in Kreuzberg. Sie verbringen eine Nacht miteinander, aber über den Vater mag sie nicht sprechen.

Was nun folgt, ist des enthusiasmierten, wohl auch triumphierenden Lorentz’ Reise durch eine Welt, die in verändertem Licht strahlt. Er, der Mittelmäßige, ist plötzlich Teilnehmender in einer Liebes- und in der Literaturgeschichte. Das ist doch was. Es geht durch Bordelle und Cafés, auf einen großen literarischen Kongress, wo sie alle auftreten: Manteuffel, Bittners nicht minder großer Widersacher und Freund, mit dem er sich immerfort verzankt und versöhnt, dann die Wiedenkopf, die berühmte Agentin, die nicht mehr ganz jung ist, aber erotische Avancen noch immer zu schätzen weiß. Das literarisch-sexuelle Theater brummt, bloß dass Bittners Tochter in die USA verschwunden ist.