Dies ist die Geschichte des weltberühmten Philosophen Jean-Paul Sartre (1905 bis 1980), der erzählt, wie aus ihm wurde, was er ist. Kindheitserinnerungen eines Weltstars aus der Feder eines fast Sechzigjährigen.

Das Kleinkind Sartre wird aus dieser Perspektive zum Monster. Und mehr noch: zu einem Monster, das weiß, dass es ein Monster ist. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Sartre diesen legendär gewordenen Lebensrückblick in der Pose einer alternden, abgeklärten Diva verfasst, die auf die Schmierenschauspielerei ihrer Anfänge amüsiert zurückblickt. Das liest sich dann so: Der kleine vaterlose Jean-Paul tritt schon im Säuglingsalter in die Talentschmiede des Schulmeisters Charles Schweitzer ein – Herausgeber eines Deutschen Lesebuches und in die Geschichte eingegangen als Großvater von Jean-Paul Sartre und Onkel von Albert Schweitzer. Kaum den Windeln entronnen, beginnt der Fratz zum Entzücken seiner protestantischen Schulmeisterfamilie das Lesen zu simulieren. Hingerissen von sich selbst und ihrem Wunderknaben, richten diese braven Bildungsbürger ihren einzigen Nachkommen zu einem Schoßhündchen der Weltliteratur ab, einem kindlichen Pudel, der Alexandriner apportiert und seine Schulhefte im Rekord mit »Romanen« füllt. Im Familientheater dieser ehrgeizigen Pariser Bildungsaufsteiger wird dem Kleinen noch vor der Einschulung die Rolle des Schriftstellers zugewiesen. »So«, schreibt Sartre, »ist mein Schicksal geschmiedet worden: im Haus Nummer eins der Rue Le Goff, in einer Wohnung des fünften Stocks, unter Goethe-Bänden und Schiller-Bänden, oberhalb von Molière, von Racine, von La Fontaine, im Angesicht von Heinrich Heine und Victor Hugo, im Lauf von hundertfach erneuerten Gesprächen.«

Man kann das Buch mit gutem Grund für einen Schlüssel, wenn nicht für den Zentralschlüssel zum Werk von Sartre halten. Als Philosoph hat Sartre jeden »Essentialismus« abgelehnt: Der Mensch, zur Freiheit verdammt, ist nur ein armer Komödiant im Welttheater. Er »wählt« sich eine »Existenz« unter vielen möglichen. Die Autobiografie reicht die bildungsbürgerlichen Kulissen dieses »Existentialismus« nach. Und erinnert an dessen oft vergessenen spielerischen Unernst: Zum Leben und zum Schreiben gehört Hochstapelei. Die Worte tun zwar so, als seien sie die Quintessenz der Dinge. Dabei entstehen sie nur aus anderen Wörtern. Das ist ihr ganzes Geheimnis. Nachzulesen in einem sympathischen, wunderbar geschwätzigen, selbstironischen Buch.