Sagt es etwas über die Qualität eines Romans aus, wenn der Leser den Band im Gang der Lektüre wenigstens dreimal an die Wand schmeißt? Ganz gewiss. Doch nicht notwendig Negatives. Vielleicht rettete sich die verstörte Seele aus schierer Verzweiflung in den Protest, weil der Autor drei Seiten lang keinen Punkt setzt, ein Komma oder auch zwei, doch wenigstens ein Dutzend Klammern, weil der Dichter (er ist einer) jedem Einfall ohne Zögern nachgibt, weil er jeder Assoziation, die in der Ferne winkt, nachrennen zu müssen glaubt, weil er lieber fünf oder sechs Adjektive in die Schlacht der Wörter wirft als zwei, die haargenau sitzen würden, nein, unter fünf oder sieben tut er es nicht, auch wenn sie einander zu widersprechen scheinen, zum Beispiel im erstickend vollen Viehwaggon, in dem der Erzähler und seine Kameraden in jenem fatalen Sommer des Jahres 1940 in die deutschen Gefangenenlager rollen, zusammengepfercht wie sonst Pferde oder Mulis oder Kühe oder Schweine, "weil die eigentliche Bestimmung (der Waggons) doch die Beförderung von Tieren war, es sei denn dass es gar kein Irrtum war und man ihn, dem Zweck für den er gebaut war entsprechend mit Vieh beladen hatte, so dass wir ohne uns darüber klar zu werden zu so etwas wie Tieren geworden wären".

Alles klar? Nein, natürlich nicht. Dass wir den Band zum dritten oder vierten Mal wieder in der Ecke aufsammeln, bestätigt dann doch, dass das Buch etwas hat. Aber was? Wir finden es heraus. Vielleicht. Die Zweifel an der Qualität des Romans sind verscheucht.

Nein, nichts ist klar – es sei denn, wir machten uns die Mühe, die Endlossätze zwei- oder drei- oder viermal zu lesen, vielleicht sogar laut zu lesen einschließlich der anhängenden Passagen, die uns diese und jene Lichter aufstecken – nicht das große Tageslicht, das alles mit einem Schlage erhellt und dem Leser plötzlich zuruft, dass alles mit allem zusammenhängt, was er, der Hornochse, doch längst begriffen haben müsste.

Listig stellt Claude Simon (1913 bis 2005) ein Luther-Zitat zwischen die Kapitel: "Wer hätte Gott jemals diesen Rath gegeben, dass er ein Männlein und Fräulein zusammen füget? Da gibt er dem Mann ein Weib, die hat zwo Brüste und Wärzlein daran, sampt ihrem Geschäfte. Da ist ein einiges Tröpflin männlichs Samens ein Ursprung eines solchen großen menschlichen Leibes, aus welchem wird denn Fleisch, Blut, Beine, Adern, Haut etc. ... wie Hiob spricht...: Hast Du, Gott, mich nicht wie Milch gemolken und wie Käse lassen gerinnen? Also machets Gott in allen seinen Werken sehr närrisch... Wenn ich ihm hätten sollen rahten, so hätte er die Schöpfung des Menschen bei dem Erdklos lassen bleiben und die Sonne wie eine Lampe mitten auf den Erdboden lassen setzen, dass immer wäre Tag gewesen."

Und dann? Gott hat sich von seinen Sendboten viel gefallen lassen, erst recht von den Dichtern. Dass ihn einer "närrisch" nennen würde, das wagten wohl nur die beiden in einer Person, Sendbote und Dichter. Ja, es hätte die Sonne Tag und Nacht gebraucht, um alle Stränge der "Handlung" ans Licht zu heben. Aber gibt es denn eine? Und nicht nur Vorgänge, die einer aus dem andern purzeln?

Simon hatte die fatale Kampagne des Sommers 1940 in Flandern miterlebt und miterlitten, womöglich sogar im Sattel, obwohl es eine absurde Vorstellung ist, dass Frankreich nach dem Desaster der polnischen Kavallerie im September 1939 seine Soldaten noch hoch zu Ross ins Feuer der deutschen Maschinengewehre schickte. Ein Element Autobiografie? Aber die "Straße in Flandern" könnte auch anderswo ins Nirgendwohin führen beziehungsweise an irgendeiner Verladerampe für die Kriegsgefangenen-Transporte enden. Und der Fluss? Ist es der Rhein? Ist es die Elbe? Ist das wichtig? Warum?

Die graue Realität des Lagers hebt alle verlässliche Wirklichkeit auf, schwemmt sie in den Fantasien der vier, der drei Reiter ins Surreale hinüber, oder ihre Vorstellungen schleudern sie hinaus in die harten Geröllfelder des Suprarealen, in denen die Felsbrocken jeden, der einhält, erschlagen können. Natürlich träumen sie von Frauen, nein, von der Frau, deren Name selten genannt wird, Corinna, die wohl schon den Vorfahren des Herrn de Reixach um den Verstand und darum auch um das Leben gebracht hat.