Veränderungen schicken ihre Boten voraus. Als der Fotograf Zed Nelson vor Jahren durch Ostlondons Bezirk Hackney radelte, fiel ihm eine Gestalt auf. Zu enge Hosen, absurder Hut, Vollbart. »Er hätte direkt aus einem Fashion-Magazin gesprungen sein können«, sagt Nelson. Er schoss ein Foto, ahnend, es werde mehr als ein Schnappschuss sein. »Es war der erste Hipster , den ich in Hackney sah, und ich dachte: Irgendwas passiert hier.« Daraus entstand eine Langzeitbeobachtung.

Hackney galt als Problembezirk: verroht, verarmt. Mit Krisenzonen kennt Nelson sich aus. Geboren 1965 in Uganda , floh er mit seinen Eltern vor dem Diktator Idi Amin nach London . Heute fotografiert er in so ziemlich allen Krisengebieten der Welt, in Afghanistan überlebte er knapp einen Kugelhagel. Auch seine Jugend in Hackney war nicht ungefährlich. Einen Schulfreund verlor er an die Drogen, ein anderer wurde erstochen. »Wer in Hackney wohnte, wollte nur eines: schnell wegziehen.« Dass ausgerechnet hier ein Trendbezirk entsteht, kommt Nelson reichlich bizarr vor.

Junge Kreative beziehen die viktorianischen Bauten, im Sommer liegt eine Stimmung über dem Park, die an Woodstock erinnert. Design-Studenten tragen eigene Entwürfe spazieren. Es gibt teures artisan food : Die Minzschokolade ist organisch, das Curry vegan, der Apfel-Vanille-Saft handgekeltert. Nicht weit weg stehen die estates, in denen die Ärmsten der Armen leben, meist afrokaribische Migranten. Der Kontrast könnte größer kaum sein: Vollbärtige Kreative gucken durch die Scheiben der Cafés den minderjährigen Drogenkurieren der Nachbarschaftsgangs bei der Arbeit zu.

Seitdem in Hackney das Olympiastadion entsteht, versucht die Polizei, die Dealer zu vertreiben und die Gangs zu zerschlagen, mit wenig Erfolg. Während Parks und Straßen für die Spiele gereinigt werden, zeugen schmelzende Betontreppen, Risse im Pflaster und abgebrochene Bäume von einem tief greifenden Verfall.

Erst kürzlich verirrte sich die Pistolenkugel eines gang war durch eine Restaurantscheibe und tötete eine Frau. Die verdorrten Blumen an einem Laternenpfahl erinnern an das Opfer eines hit and run : Fahrerflucht mit Todesfolge. Kennt man diese Hintergründe, dann verlieren Zed Nelsons Bilder ihre Unschuld. Dann wirken selbst harmlose Vogelbeeren, die den Asphalt rot färben, wie ein Tatort.