Ein ruhiger Sonntagnachmittag – der richtige Moment, einen kleinen Selbstversuch zu beginnen. Wäre ich einer der weiblichen Singles, die auf diesem Weg einen Mann suchen – was würde ich erleben? Würde ich den perfekten Partner finden? Parship.de also. Parship ist seit 2001 im Netz, deutscher Marktführer im Besitz der Holtzbrinck-Gruppe, zu der auch die ZEIT gehört, und wurde von der Stiftung Warentest als seriös benotet. Ich muss mir zunächst ein Passwort ausdenken und dann den "wissenschaftlichen Parship-Persönlichkeitstest" ausfüllen. Er besteht aus rund vier Dutzend Fragen, die im Multiple-Choice-Verfahren zu beantworten sind. Die Frage nach "Interessen/Hobbys" bietet 17 Kategorien, maximal sechs sind wählbar. Das lässt sich leicht erledigen, ebenso wie Fragen nach aktiven Sportarten, bevorzugten Musikstilen, Architekturgeschmack et cetera. Komplizierter sind all jene Fragen, die ins Herz der Selbstvorstellung und der persönlichen Liebeswünsche dringen. Beispielsweise: "Welche Aussage sollte auf Ihren Wunschpartner zutreffen?

A: Man kann sich mit ihm sehen lassen.

B: Wir haben die gleichen Interessen.

C: Er besitzt für mich eine starke Anziehungskraft."

A ist egal. Aber B und C? Damit ist ja wohl die Entscheidung zwischen Vernunft und Leidenschaft gemeint, zwischen einem Mann, neben dem man sich im Kino darauf freut, was er später über den Film sagt, und einem Mann, mit dem man das Kino noch während der Werbung verlässt. In diese Alternative passte das Leben aber nie hinein. Oder doch? Hatte die Art, wie ein Mann seine Interessen behandelt und berührt, nicht immer etwas ausgesprochen Erotisches? Also B.

Online müssen Buchstaben bewirken, was offline Mimik und Gestik erledigen

Nächste Frage: "Was, glauben Sie, könnten Menschen, die Sie gut kennen, am ehesten über Sie denken?" Hier wird’s ein wenig delikat, hier setzen Anhänger der Warentheorie wie die israelische Soziologin Eva Illouz den Hebel ihrer Kritik am "Ausverkauf des privaten psychologischen Selbst" an. Beim Online-Dating werde dieses Selbst zu einem Produkt, zu einer Art Aktie, deren Börsenwert steigt, je einzigartiger, spektakulärer und damit auch fiktionaler sich ein Mensch präsentiert. Es fragt sich allerdings, ob nicht auch jeder Offline-Flirt, jedes Anbandeln in der Supermarktschlange, im Aufzug oder im Nachtklub, den Reflex auslöst, sich erst mal von der Schokoladenseite zu zeigen, die bekanntlich nicht die ganze Person abbildet. Hans-Peter Blossfeld zuckt mit den Achseln. "Ich sehe da überhaupt keinen Unterschied zwischen virtuell und nicht virtuell."

Er ist Lehrstuhlinhaber für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bamberg. Vor ein paar Jahren startete er mit einer Gruppe junger Kollegen ein Forschungsprojekt zur Flirtkultur im Internet. Sie untersuchten – unter strengen Diskretionsauflagen – Daten einer regionalen Partnerbörse. In Blossfelds Büro, am idyllischen Ufer des Main-Donau-Kanals gelegen, berichten sie, dass Frauen tatsächlich dazu neigen, sich im Internet ein paar Jahre jünger zu machen, Männer wiederum dazu, sich um ein paar Körperzentimeter in die Höhe zu schrauben. Nur, sagen die Bamberger, gebe es keinen empirisch verlässlichen Anhaltspunkt, diese kleinen Tricks anders zu bewerten als die Techniken situativer Selbstaufwertung, die im realen Alltag üblich sind. "Ich habe mir doch heute früh auch extra ein Jackett angezogen", sagt Blossfeld und zupft kurz am Revers, "weil ich wusste, dass Besuch von der Zeitung kommt." Hat man bei philosophischen Kulturkritikern den Eindruck, dass sie die Partnersuche im Internet ein wenig dämonisieren, so hat man im Gespräch mit den Positivisten den Eindruck einer gewissen Verharmlosung.

Die Auswertung meines Persönlichkeitstests dauert ein paar Minuten, die ich nutze, um mein Profil zu erstellen, meinen Steckbrief. Er dürfte ausschlaggebend sein für meine Chancen bei Parship. Ein paar Daten – Beruf, Alter, Größe – müssen das sortierende Männerauge festhalten, ein paar Sätze in der Rubrik "Ich über mich" müssen die Interessenten in Spannung versetzen. ElitePartner, die zweitgrößte deutsche Partnerschaftsbörse, erstellte nach einer Umfrage unter 3000 Mitgliedern eine Hitliste der langweiligsten, unbedingt zu vermeidenden Selbstdarstellungssätze, altbackene Allgemeinplätze wie "Für mich ist das Glas nicht halb leer, sondern halb voll", "Mache sowohl in Jeans wie im Smoking eine gute Figur". Ganz schlimm: "Mit mir kann man Pferde stehlen."

Den größten Erfolg hatte Kristina Endolf mit dem Satz: "Ich reagiere allergisch auf nasse Lappen im Spülbecken." Wer ihn liest, hat sofort ein fieses Gefühl in den Fingern und einen modrigen Geruch in der Nase, und darauf, auf den kleinen Moment, in dem sich Emotion vermittelt, kommt es an. Online müssen Buchstaben bewirken, was offline Blicke, Gesten, körperliche Zeichen vermögen. Fast jeder Mann, der ihr schrieb, bezog sich als Erstes auf den Spüllappen-Satz, auch der, mit dem Kristina Endolf drei Jahre glücklich und dann ein Jahr unglücklich zusammen war. Seitdem sie sich im vergangenen Herbst von ihm trennte, wird in ihrer Hamburger Maisonettewohnung offensichtlich wenig gekocht und wenig gespült. Der Ceranherd in der offenen Küchenzeile wirkt, als sei er kürzlich geliefert worden, die Abzugshaube darüber ist blitzblank. Kristina Endolf arbeitet als Managerin für "Human Resources" bei einem Großunternehmen. Sie ist 34, ein Alter, in dem die Stufen der Karriereleiter eng beieinanderliegen und das Leben mit leiser Stimme anfragt, ob es weiterhin aus Zehnstundentagen und Meetings am Wochenende bestehen soll.

Es ist Samstagmittag, sie muss auch heute noch ins Büro und sorgt sich ein wenig um die Zeiteinteilung des Gesprächs. "Wir wollen doch über Partnerschaftsbörsen reden, und ich erzähle nur von dieser alten Lovestory." Er war Ethnologe und erheblich älter als sie. Schon in der zweiten Mail schrieb er ihr seine Telefonnummer, und eine Woche lang telefonierten sie die Nächte durch: seine Kindheit, ihre Kindheit, seine Lieblingsbücher, ihre Lieblingsorte, alles. Als sie sich am Ende der Woche zum ersten Mal trafen und er in den Alsterarkaden auf sie zukam, war sie "ein bisschen verärgert". Er hätte ihr sagen können, dass er nur einen Arm hatte. Nicht die Behinderung enttäuschte sie, sondern – so kam es ihr vor – sein Spiel mit verdeckten Karten. Eine Sekunde später war die Enttäuschung verschwunden. Sie vergaß sie ganz einfach, weil sie so überrollt wurde vom Vulkanausbruch der Verliebtheit, dass sie deren technischen Vorlauf vergaß, als hätte es Partnerschaftsbörse, Mails, Telefon nie gegeben. Nichts, sagt sie, wäre anders gewesen, wenn sie diesen Mann zufällig an der Ampel kennengelernt hätte oder in einem Seminar. Nach vier Jahren ertrug sie seine Dominanz nicht mehr, die er bei allem und jedem mit seiner Behinderung rechtfertigte, wie sie sagt.

Vor ein paar Wochen hat sich Kristina Endolf zum zweiten Mal bei der Partnerschaftsbörse angemeldet. Aber etwas stimmt nicht, der Wiederholungsversuch hat einen schalen Beigeschmack. "Sie können ruhig mitlesen", sagt sie und rückt das Notebook zurecht, damit man einen guten Blick auf den Bildschirm hat. "Ach, der geschiedene Forstwissenschaftler, der schreibt immer so wahnsinnig lange Mails, was erzählt er denn jetzt wieder?" Er berichtet von einem Radrennen in der Eifel, das er mit seinem Sohn besucht hat. "Fänden Sie das als Frau prickelnd?" Es springt einfach bei keinem Mann ein Funke über, und keiner fängt so recht Feuer, was auch daran liegen könnte, dass Kristina Endolf beim zweiten Anlauf ihren Spüllappen-Satz wegließ. Er ist mit dem Glück verbunden, das er ihr beim ersten Anlauf brachte.