Der eine Mann, den sie bei Finya.de kennengelernt hatte, war ein pensionierter Arzt. Zunächst sah alles gut aus. Sie saßen am Spätnachmittag im Café, er fragte, ob sie Lust habe, mit ihm noch essen zu gehen, er half ihr an der Garderobe in den Mantel, und als sie auf der Straße liefen und sie sich vorstellte, wie sie als Passanten nebeneinander auf einem Foto aussähen, fand sie auch das passend. So ging es ihm wohl auch. Sonst wäre er nicht plötzlich mit dieser Idee herausgerückt. "Wissen Sie was", sagte er, "ich habe zwei Karten für die Oper, nächste Woche. Wollen Sie mit? Ich gehe sonst mit meinem Sohn, aber der schafft das nicht vor Weihnachten." Zwei Sekunden lang, sagt Brigitte Warmuth, habe sie an das schwarze Kleid gedacht, das für solche Anlässe im Schrank hängt. Und dann dachte sie nur noch daran, wie nobel jemand leben muss, der mit Opernkarten um sich wirft und einen Doktortitel vor dem Namen hat. Sie erfand eine Ausrede, verabschiedete sich mitten auf der Straße, rannte nach Hause, löschte bei Finya.de den Arzt aus ihren Kontakten. "Der war mir einfach zu hoch. Der wusste ja nicht mal, dass ich nur Realschule habe."

Ein paar Tage später traf Brigitte Warmuth einen Rentner von Finya.de, drei Jahre älter als sie, die menschliche Wellenlänge stimmte auf Anhieb, auch die wirtschaftliche, er schaute auf der Speisekarte nach den Preisen und bestellte nur ein Mineralwasser. Sie beschlossen, noch zum Weihnachtsmarkt am Charlottenburger Schloss zu fahren, "auf einen schönen Glühwein". Das Getümmel am Glühweinstand schob sie eng aneinander. In der Menschenmenge stellte sich die Vertraulichkeit des Zuzweitseins ein, und er erzählte, dass er dreimal die Woche noch etwas dazuverdiene. Sie wurde fast wehmütig, als sie merkte, wie ihre Stimmung kippte, in Abwehr und Alarm. Aber es war nichts mehr zu retten.

Warum? Was wäre so schlimm an einem Mann, der ab und zu die Herrentoilette am U-Bahnhof Wannsee bewacht? Sie weiß es selbst nicht genau. Sie legt den Kopf in den Nacken, lehnt sich mit erhobenen Armen nach hinten, als müsse sie sich von Gerüchen entfernen, die von den Bodenfliesen ihrer Küche aufsteigen. Mit einem Ruck sitzt sie wieder gerade. "Jetzt denken Sie bestimmt, auf was für einen Prinzen wartet diese Frau Warmuth eigentlich. Das denken Sie doch, oder?" Sie springt auf, um die Deckenlampe anzumachen. Auf dem Weg zum Schalter dreht sie sich um, fuchtelt wieder ein bisschen zu viel, lacht eine Spur zu laut. "Na ja, ich warte eben auf George Clooney. Aber der wartet ja nicht auf mich." Rund um den Globus wird dieser Witz vermutlich einmal pro Stunde gemacht. In einer klammen Souterrainwohnung, in die sonst niemals ein Mensch zu Besuch kommt, verbreitet er eine unendliche Traurigkeit und Vergeblichkeit.

Schon heute beginnt etwa jede dritte neue Beziehung im Internet

Wie viele Menschen in Kuppelbörsen ihr Glück finden, lässt sich mit seriösen Zahlen nicht belegen. Nach Schätzungen, die aber auf Angaben der Unternehmen zurückgehen, nimmt in Deutschland ein Drittel aller Beziehungen seinen Anfang im Internet. Das könnte schon zu hoch gegriffen sein. Manches Börsenmitglied kapituliert nach einer Weile vor der Nüchternheit des Prozederes, empfindet das Sichselbstfeilbieten auf Dauer als demütigend. Die technische Rationalität des Vorgangs scheint alles zu durchkreuzen, was wir mit romantischer Liebe verbinden – Schicksalhaftigkeit, Unberechenbarkeit, Zauber der Intuition. In modernen, säkularisierten Gesellschaften besitzt die romantische Liebe jedoch einen einzigartigen Rang. Sie gilt als letzter Funkenflug der Transzendenz. Nur haben moderne Gesellschaften außerdem ein Problem: Die Freiheit der Partner- und Liebeswahl kippt um in Ratlosigkeit, wer denn nun der oder die Richtige fürs Leben sein soll. Noch im 19. Jahrhundert heiratete der Bauernsohn die Bauerntochter, weil die Felder der Familien günstig nebeneinanderlagen, und der städtische Bürger benötigte eine Frau aus seinen Kreisen, die in erster Linie einen bürgerlichen Haushalt zu führen verstand. Wir hingegen sind darauf angewiesen, einen Menschen zu finden, der unseren höchst subjektiven Fantasien und Normen entspricht. Die Gesellschaft hat sich verabschiedet aus der "Lenkung der Gefühle", wie die Wissenschaft die Funktionsweise formaler Heiratsmärkte nennt. Online-Dating führt sie wieder ein und füllt damit ein Vakuum. "Das stimmt", meint der Soziologe Ulrich Beck, "man kann solche Börsen als Rekonstruktion traditioneller Heiratsmärkte betrachten. Aber es gibt einen Unterschied: Heiratsmärkte sind überschaubar, das Prinzip des Internets aber ist die Unendlichkeit."

Als Sven Schütte in der Tür seiner Dachwohnung in Prenzlauer Berg steht, ist der Gedanke, was so jemand bei den Internetsingles zu suchen hat, unvermeidlich. "Reinspaziert in die Junggesellenbude!", ruft er und lässt den Arm schwungvoll nach hinten kreisen. "Schuhe können Sie anlassen, ich muss sowieso morgen durchputzen." Sven Schütte ist schön wie der junge Alain Delon, nur herzlicher und sympathischer, 34 Jahre alt, erfolgreicher Werber. Ein Mann, der eigentlich nur um den Block spazieren müsste, um zehn Frauen zu finden, von denen zwei am Tag darauf mit dem Möbelwagen kämen. Seine Wohnung ist schick, aber nicht steril, "also Platz wäre da für Frau und Kind, sehn Sie ja". Aber es hapert. Es hapert seit vier Jahren mit der Besetzung der weiblichen Hauptrolle in Sven Schüttes Leben.

An seinem dreißigsten Geburtstag schloss er beim Champagnertrinken mit den Agenturkollegen eine Wette ab, dass er den nächsten Geburtstag mit einem Ring am Finger feiern werde. Die Sportlichkeit dieser Zielsetzung war vielleicht ein Fehler. Die Phantombeschreibung der Frau hingegen, die er sich vorstellt, dürfte eine echte Falle sein. Denn es handelt sich um die perfekte Mischung aus Hollywood und Harvard. Sven Schüttes Idealfrau soll: Auslandserfahrung und Anmut, einen nicht zu wuchtigen Busen und einen sehr scharfen Verstand besitzen, sie soll schlank, naturblond, langmähnig, kultiviert und dabei kumpelhaft sein. Sven Schütte kann seinen Perfektionswahn wunderbar selbst parodieren. "Also", sagt er und deutet wie ein alter Oberlehrer mit dem Zeigefinger auf einen Punkt an der Wand, "was die Körpergröße betrifft, sollte sich der Mund meiner Frau genau auf dieser Höhe befinden. Ich will mich ja nicht verrenken beim Küssen." Auf der Rückseite der Selbstironie zeichnet sich der Schatten einer seltsamen, schwer verständlichen Resignation ab. Denn je intensiver er sucht – und er sucht gleichzeitig bei zwei Börsen –, desto geringer wird die Zuversicht, sich mal wieder volle Kanne verlieben zu können. Manchmal, erzählt er, überfalle ihn schon auf dem Weg zu einem Date die Vorahnung der Enttäuschung, noch bevor er die Frau überhaupt gesehen, bevor er sie begrüßt hat. "Das ist total verrückt, aber es ist so."

Er prüfte Bewerberinnen so gründlich wie möglich, im Sitzen wie im Liegen

In den vergangenen vier Jahren hat Sven Schütte rund tausend Profile von Frauen durchgemustert, pro Monat mindestens zwei getroffen und "mit ziemlich vielen geschlafen", was "auch nicht so die Hitidee war". Denn oft bestand die Idee ganz einfach darin, eine Bewerberin so gründlich wie möglich, das heißt im Sitzen wie im Liegen zu prüfen. Es kam vor, dass er morgens, während eine One-Night-Stand-Dame unter der Dusche stand, die "ganz okay", aber eben unvollkommen war, schnell nachschaute, ob es weibliche Neuanmeldungen in seinen Börsen gab. Eigentlich passt diese Zwanghaftigkeit gar nicht zu ihm. Nichts in seiner Wohnung lässt auf Pedanterie, nichts an seinem Verhalten auf Verbissenheit schließen. Für den Besuch hat er Kaffee gekocht und zehn Kuchenstücke eingekauft. Als er sie auspackt, wirft er das Papierknäuel wie ein tänzelnder Basketballspieler quer durch den Raum zum Mülleimer, neben dem es liegen bleibt. Er ist nicht nur der Prototyp des jungen, netzaffinen Online-Daters. Er ist auch der Prototyp des modernen Ratlosen, der befürchtet, bei einer so gewichtigen Sache wie der Partnerwahl etwas falsch zu machen, und der Verlockung der Systematik erliegt.