Dienstag. Als Erstes fische ich die Rechnung von Parship aus dem Briefkasten, drei Monate Mitgliedschaft kosten 187,30 Euro. Die Gangster sind endgültig verschwunden, dafür scheinen sich jetzt die Verrückten zu melden. Ein IT-Berater schreibt: "Hi. Ich sende dir kosmische Kraft. Manfred aus Brandenburg". Ein Selbstständiger schickt eine etwa vier Manuskriptseiten lange Nachricht in spanischer Sprache. Soweit verstehbar, handelt es um einen Hassausbruch gegen rassistische Frauen im Allgemeinen und deutsche Rassistinnen im Speziellen. Auch Beate Zschäpe aus der Zwickauer Terrorzelle kommt vor. Aber glücklicherweise ist Post vom Physiker da. "Liebe Unbekannte, damit Sie kein falsches Bild von mir bekommen, möchte ich erwähnen, dass ich natürlich Zeitungspapier ausbreite, bevor ich mich zum Schuheputzen auf den Teppich setze. Es kommt übrigens höchstens viermal im Jahr vor. Verglichen mit Ihnen finde ich mich geradezu zivilisiert. Wahrscheinlich sitzen Sie in Schlabberklamotten zum Schreiben auf der Couch. Was und worüber schreiben Sie eigentlich? Sie sind ein bisschen sparsam mit Ihren Mitteilungen, ich würde mich freuen, mehr von Ihnen zu erfahren. Beste Grüße".

Starker sächsischer Dialekt aus dem Mund eines Mannes ist ein Problem

Donnerstag. Der Physiker antwortet: "So ist das also. Sie suchen hier gar keinen Mann, sondern nur ein bisschen Material für einen Zeitungsartikel. Ich finde, wenn Sie mich schon als Versuchskaninchen benutzen, könnten Sie mich als Gegenleistung wenigstens auf einen Kaffee einladen. Wie wäre es mit dem übernächsten Wochenende? Vielleicht um 17 Uhr? Ort überlasse ich gern Ihnen, und wenn Sie gar nicht mögen, verstehe ich das natürlich. Mit lieben Grüßen". Das Foto, das er freigeschaltet hat, zeigt ein gut geschnittenes Gesicht mit Dreitagebart. Den Physiker und mich verbinden 109 Matching-Punkte, was ausgesprochen viel ist. Das Höchstmögliche sind 140, das Niedrigste 60 Punkte.

Die Frage, welche Kleidungsstücke einem solchen Treffen entsprechen, bedarf strategischer Überlegungen. Weder aufgedonnert noch graumäusig – so viel ist klar. Besser Hose als Rock. Aus dem einfachen Grund, weil Hosen eine Beinstellung erlauben, die es aller Erfahrung nach leichter macht, ein verkrampftes Gespräch durchzustehen. Keine Bluse. Hose und Bluse sieht sofort nach typischem Business-Look aus. Schwarz sollte nicht dabei sein, es ist die klassische Verlegenheitsfarbe, aber etwas Gemustertes. Aus der Summe dieser Kriterien ergibt sich die Alltagskombination beige Hose, gestreiftes T-Shirt und eine Jacke, für den Fall, dass es kühl wird. Denn der beste Ort dürfte ein Café mit Terrasse sein. Im Freien ließe sich eine eventuell notwendige Flucht unauffälliger einleiten.

Der Physiker ist nach seinen Angaben im Parship-Profil 186 Zentimeter groß. Das dürfte es leicht machen, ihn zu erkennen. Der da drüben, der neben den Tischen steht und sich diskret umschaut, muss er sein. Er schaut her, reagiert aber nicht. Es ist 17.10 Uhr, und es gibt auf der Terrasse nur eine einzige Frau, die allein an einem Tisch sitzt. Auf ein zaghaftes Winken hin nähert sich der Diskrete dem Tisch, stellt sich vor, setzt sich auf den Platz gegenüber und sagt, dass er selten im Berliner Tiergarten ist, den Ort aber sehr schön findet.

Auch wenn das Treffen mehr als ein Selbstversuch wäre: Starker sächsischer Dialekt aus dem Mund eines Mannes ist und bleibt ein Problem für das Ohr. Über manche instinktive Abneigungen kann man sich beim besten Willen nicht hinweglügen. Auf der Seite des Physikers scheint es aber auch eine kleine Irritation zu geben. Nach zehn Minuten höflicher Konversation sagt er wie nebenbei und merklich um den Ton neutraler Feststellung bemüht: "Ich dachte, Sie wären blond." Blond? Wieso denn blond? Hatte ich in meinem Profil nicht unmissverständlich als Haarfarbe rotbraun angegeben? Das Missverständnis hat sein Gutes: Auf der Ebene der kleinen, unüberwindlichen Aversionen herrscht nun Gleichstand, und ich habe nicht das geringste Problem, mich nach einer Stunde freundlich zu verabschieden. Es wäre beim Zufallskontakt in der Supermarktschlange, im Aufzug oder am Strand von Mallorca nicht anders gewesen. Keine Bruchlandung, kein coup de foudre, nur ganz normales, durchschnittliches Leben. Vermutlich ist es so, dass die technische Rationalität des Internet-Datings die Romantik der Liebe nicht zerstört, sondern sie im Gegenteil betont. Denn wenn sie fehlt, geht eben nichts. Und wenn sie erscheint, lässt sie sich in Wahrheit nicht berechnen. Lilly Goodsmith und Sebastian Schnitthelm hatten 62 Matching-Punkte. Das liegt an der Unterkante erwartbarer Übereinstimmung.

*Alle Namen von der Redaktion geändert