Einerseits kann man das überhaupt nicht vertonen. Es klingt ja längst. Wenn Stanisław Lem die Vorgänge auf der ozeanischen Oberfläche des Planeten Solaris beschreibt, himmelhohe Eruptionen symmetrischer Gebilde »aus sprudelndem, dehnbarem Material«, fließende Konstruktionen einer »geometrischen Sinfonie«, dann entfaltet sich beim Lesen Musik. Eine Musik, die selbst die komponierenden Avantgardisten des Jahres 1961 hinter sich lässt, auch wenn György Ligetis mikropolyfone Atmosphères dem unirdischen Kontrapunkt des polnischen Schriftstellers schon ziemlich nahekommen.

Andererseits verdichten sich gegenüber der unmenschlichen Intelligenz des Planeten die zutiefst menschlichen Probleme seiner Besucher: verdrängte Erinnerungen, Einsamkeit, Nöte der Kommunikation. Für sie hat sich 1972 schon Andrej Tarkowskij in seiner legendären Verfilmung von Solaris interessiert. Dass nun auch ein Komponist hier großen Stoff sieht, verwundert kaum. Menschen, die von ihrer Vergangenheit eingeholt werden, stehen im Musiktheater von Don Giovanni bis Jenufa an jeder Ecke.

Dem Komponisten Detlev Glanert traut man es zu, die Emotionen zu erkunden, die bei Lem nur angedeutet und bei Tarkowskij eher metaphorisch sind. Der 52-Jährige, dessen Solaris jetzt bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wurde, ist einer der meistgespielten zeitgenössischen Opernkomponisten. Er vertritt eine Tradition linearen Erzählens, die vor 20 Jahren als Literaturoper gescholten wurde und mittlerweile unter demselben Begriff wieder nobilitiert ist. Glanert ist moderat in der Wahl seiner Mittel, eher Kultivierer denn Pionier, aber unerbittlich in der handwerklichen Genauigkeit, mit der er das Innenleben seiner Protagonisten ausleuchtet.

Die gewittrige Hochspannung, die 2006 seine Oper Caligula in Frankfurt zum Erfolg werden ließ, weicht in Solaris nun einer offenen, lichten Anlage. Demonstrativ verzichtet Glanert darauf, Lems ozeanische Fantasien orchestral umzusetzen. Der Planet äußert sich vielmehr durch ein sparsames, sacht alterierendes Viertonmotiv (das allerdings schicksalhafte Größe gewinnen kann) und lernt in gelegentlichen Choreinschüben sogar sprechen. Entscheidend sind die Begegnungen der Protagonisten mit den materialisierten Projektionen verdrängter Gefühlskatastrophen.

So begegnet Astronaut Kelvin der Frau wieder, die sich seinetwegen das Leben nahm. Seinen Kollegen Snaut peinigt die leibhaftig gewordene Erinnerung an seine inzestuös-destruktive Mutter, Kontrollfreak Dr. Sartorius wird das monströs alberne Kleinkind nicht los, das der Planet aus ihm herausgelesen hat. Ein weiterer Kollege hat sich umgebracht, um der »Negerin« zu entkommen, die nun trauernd den eisgekühlten Leichnam des Forschers durch die Raumstation schleppt. All diese Gestalten hat Glanert so sensibel und begreifbar in Töne gesetzt, dass ein Regisseur nur brav ihre Umrisse nachzeichnen müsste – wie das bei Uraufführungen oft geschieht. In Bregenz ist das leider nicht der Fall.

Bei einem solchen Kammerspiel der extremen Beziehungen stellt sich die Frage nach der »Fremdheit« des interaktiven Planeten eigentlich von selbst. Steht sie für den anonymisierten gesellschaftlichen Druck? Ist Solaris unser wahres Gefühlsgedächtnis, ein kosmischer Dr. Freud, der sich der irre gewordenen Zivilisation annimmt? Oder ziehen uns hier die second worlds des Internets mit ihren Avataren den Boden unter den Füßen weg? Glanerts Partitur zum klug gerafften Libretto von Reinhard Palm besteht nicht auf einer Antwort, aber sie ist sehr offen für Fragen, die die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier nicht stellen.

Geistlose Dekorateure machen in den großen Häusern reihenweise Opern platt

Sie lassen sich von Christian Fenouillat lieber eine Raumstation basteln, und da spielen sie nun Kino, dass es einen graust. Das Fliegende Klassenzimmer ist eine intellektuelle Veranstaltung neben diesen lächerlichen Röntgenkanonen und Blinkekonsolen. Während der Chor laut Partitur »nicht verdeckt werden« darf und »deutlich von der Bühne zu hören« sein soll, klingt er im Bregenzer Festspielhaus aus dem Off wie die schlechte Bandaufnahme eines Hugo-Distler-Gedächtniskonzerts. Warum so geistlose Dekorateure in den großen Häusern der Welt reihenweise Opern plattmachen dürfen, bleibt ein noch größeres Rätsel als der Planet Solaris.

Glanerts Stärken werden so in Schwächen verwandelt. Seine klaren Rollenprofile wirken auf Dauer allzu eindeutig, und die weiträumig verzahnten Strukturen werden auf die Dramaturgie einer Filmmusik reduziert – freilich auch, weil Markus Stenz die Wiener Symphoniker nicht zu der Genauigkeit bringt, die ihm mit Caligula in Frankfurt gelang. Doch es gibt Momente, in denen man hört, was möglich wäre. Wenn etwa Dietrich Henschels Kelvin so warm und vorsichtig zögernd seine Liebe bekennt, dass man nicht mehr weiß, in welchem Jahrhundert man sich gerade befindet.

Oder wenn seine Frau Harey, die vom Geschöpf der Erinnerung immer mehr zu einem in die Welt geworfenen Individuum wird, hilflos ihre Herkunft ahnt, »das ist so ringsherum«: Viermal nimmt die anrührende Marie Arnet einen Anlauf, jedes Mal in einer absteigenden Septime resignierend, während unter ihr die Celli das Motiv des Planeten singen. Aber selbst ein Dietrich Henschel kann nichts retten, wenn er zum finalen Solo inmitten weihnachtlich glimmender Lämpchen über der Bühne hängt, um zu erklären, die Zeit der grausamen Wunder sei noch nicht vorbei. Was immerhin noch die höflichste Umschreibung dafür ist, dass auch Berlins Komische Oper diese Inszenierung übernehmen wird.