Und doch erlebt die Rede vom "Spätkapitalismus" gerade ein Comeback, selbst nüchterne Wissenschaftler wie Jens Beckert, Armin Schäfer oder Wolfgang Streeck klopfen ihn wieder auf seine Tauglichkeit ab. Richtig an der Theorie des "Spätkapitalismus" ist für sie die Beobachtung, dass ein entfesselter, vom Staat "emanzipierter" Markt seine eigenen Bestandsvoraussetzungen nicht erzeugen kann und früher oder später zusammenbricht. Mit aberwitzigen Summen an Steuermitteln, die dann anderswo fehlen, müssen Regierungen den angeblich so effizienten und "rationalen" Markt vor sich selbst retten – und beschwören so jene "Krise in der Koexistenz von Demokratie und Kapitalismus" herauf, die mit dem Begriff "Spätkapitalismus" einmal gemeint war.

Spätmoderne

Das ist ein schwer melancholisches Begriffsgefühl, vom dem längst auch Konservative heimgesucht werden. War "Zukunft" früher ein strahlender Fixstern am Himmel ökonomischer Versprechen, so ändert sich in der Spätmoderne die Struktur des Zeiterlebens: Die Zukunft ist wirtschaftlich nicht mehr das bessere Morgen, sondern die Wiederkehr alter Probleme. Das "goldene Zeitalter" der "Vergeudung und des Überflusses" (Meinhard Miegel) geht zu Ende – die "Ermüdungserscheinungen sind unübersehbar", die Gesellschaft wirkt depressiv, erschöpft und ausgebrannt. Der Preis des Lebens, den der Einzelne für sein "Investment" zahlt, ist höher als der Glücksprofit, der am Ende für ihn dabei herausspringt. In der Spätmoderne, so der Soziologe Hartmut Rosa, erkennt man: "Selbst wenn der Kapitalismus reibungslos funktioniert, führt er mit logischer Notwendigkeit in ein uferloses Steigerungsspiel, das selbst die Profiteure und Gewinner nur unglücklich machen kann, weil es all ihre individuellen und kollektiven Energien einem einzigen, blinden, instrumentellen Telos unterwirft: dem Kampf um die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit."

Postmoderne

Vor dreißig Jahren war diese Kampfformel ein Welthit. Sie stammte ursprünglich aus der Architekturtheorie und behauptete: Die Moderne hat über die Tradition gesiegt und sitzt nun selbst an den Schalthebeln der Macht. Jetzt ist sie selbst tyrannisch. Ihre viereckige Vernunft duldet nur, was ihr gleicht, und die kindische Verehrung des "rationalen Subjekts" stammt aus den ungelüfteten Denkerstuben des 18. Jahrhunderts. Alles Begehren, alles Lebendige, Schöne, Erhabene wird von der herrischen Moderne in Beton eingemauert.

Doch anders als "Spätmoderne" war "Postmoderne" ein heller und freundlicher Begriff. Sie träumte vom "freien Spiel der Zeichen", und deshalb hieß das Motto wahlweise "Anything goes" oder "Abkühlung der (linken) Aufklärung". Weil das angesichts überhitzter Finanzspekulationen derzeit recht antiquiert klingt und weil sich die alte Zauberformel inzwischen selbst stark abgekühlt hat, findet die Rede von der Postmoderne heute eine eher kritische Verwendung – als eine Denkform, die den neoliberalen Menschentyp mit hervorgebracht hat: das "Kreativsubjekt mit einer marktförmigen Orientierung am Wählen und Gewählt-Werden" (Andreas Reckwitz).

Postsozial

"Ein Prozent aller Männer wünschen sich mehr Gespräche mit ihren Partnerinnen. 86 Prozent wünschen sich einen neuen HD-Fernseher." Besser als mit diesem Reklamespruch kann man "Postsozialität" nicht erklären. Hinter dem catchword steckt die gut begründete Beobachtung, dass technische Apparate im Leben weitaus einflussreicher sind, als aufgeklärte Menschen dies zugeben wollen. Gemeint ist damit nicht nur das zärtliche Dauerstreicheln von iPhones bei simultanem Anschweigen von leibhaftig anwesenden Mitbürgern; gemeint ist das "Technischwerden von Kommunikation". "Postsoziale Verhältnisse", schreibt die Wissenschaftstheoretikerin Karin Knorr Cetina, "sind Verhältnisse, die durch Objektbeziehungen vermittelt werden" und – Stichwort Facebook – die traditionelle Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ersetzen. Zwischenmenschliche Bindungen lockern sich; der "Begriff der Gesellschaft verliert viel von seiner Bedeutung". "Bio-Wissen, Ökonomie, Selbstverbesserung (life-enhancement) ist wichtiger als ›Erlösung‹ von den Problemen der Welt durch gesellschaftliche Maßnahmen." Autoren wie Manfred Faßler (Nach der Gesellschaft, Fink Verlag) gehen noch weiter. Sie beobachten, übrigens ohne größere Abschiedsschmerzen, wie die Gesellschaft "alten Typs" zerfällt und durch eine "infogene Netzwelt" abgelöst wird, die des "Legalitäts- und Legitimationsraumes Gesellschaft" nicht mehr bedarf.

Postautonomes Subjekt

Das ist der Menschentyp, der in einer postsozialen Gesellschaft zu Hause ist. Normen, Leitbilder oder wetterfeste Werte sind für ihn eher nebensächlich. Das postautonome Subjekt fragt nicht mehr: "Wie führe ich mein Leben als mündiger und moralischer Bürger?" Sondern es fragt: "Wie komme ich durch? Wie passe ich mich einer Welt an, die ohnehin nicht mehr zu ändern ist?" Entsprechend übt sich das postautonome Subjekt in der "Kreativität der Anpassung" (Christoph Menke); es bewegt sich wie ein Fisch im Wasser und bleibt bei seiner Selbstvermarktung nach allen Seiten hin offen und "anschlussfähig". Was dabei Selbstverleugnung und was gelingende Selbstverwirklichung ist, vermag niemand zu sagen. "Der ständige Zwang, aus dem eigenen Innenleben den Stoff einer authentischen Selbstverwirklichung zu beziehen, verlangt den Subjekten eine dauerhafte Form der Introspektion ab, die an irgendeinem Punkt gleichsam in die Leere führen muß." (Axel Honneth)

Postmoderne Kultur

In einem berühmten Aufsatz hatte der Literaturwissenschaftler Fredric Jameson Mitte der achtziger Jahre die steile Behauptung aufgestellt, die Kunst verliere "im internationalen Kapitalismus" ihre Eigenständigkeit. Das Schöne, Wahre und Gute gerate in den "Sog der Ökonomie" und werde zum "integralen Bestandteil der allgemeinen Warenproduktion": Der ungeheure "wirtschaftliche Druck", unablässig den Absatz zu steigern, "weist den künstlerischen Innovationen eine immer wichtiger werdende Aufgabe zu". Epochal nannte Jameson diesen Prozess, weil in der postmodernen Kultur der historische Gegensatz von Geld und Kunst verschwinde. Das Geld werde ästhetisch, und der Kapitalismus lerne vom Künstler, seine technisch identischen Produkte durch schönen Schein "dissident" und einen Mercedes von einem BMW unterscheidbar zu machen.