Im Zickzackkurs segelt Simon Grotelüschen durch die Kieler Förde, geschickt nutzt er jede Welle, um an Geschwindigkeit zuzulegen. »Wellen gewinnen« nennt Grotelüschen das. Der Himmel ist grau und kalt, die Bedingungen ähneln denen im englischen Weymouth. Dort finden die Segel-Wettkämpfe der Olympischen Spiele 2012 statt, für die sich Grotelüschen in seiner Bootsklasse, dem Laser, qualifiziert hat.

»Olympia ist der Traum schlechthin – das ist das Größte für einen Sportler«, sagt der 25-Jährige. Auf diesen Traum hat er lange hingearbeitet. »Vor drei Jahren musste ich mich entscheiden, ob ich meine Leistung noch einmal steigern will. Seitdem habe ich mich ganz auf den Sport konzentriert – wegen Olympia.« Sein Medizinstudium an der Universität Kiel musste er dafür vernachlässigen. Er ließ sich für mehrere Semester beurlauben.

Dieses Dilemma kennen viele Athleten aus Randsportarten. Ihre Leistungen werden gerade in einem Alter vielversprechend, in dem sie sich um eine alternative Ausbildung kümmern sollten. Denn im Gegensatz zu den Profis aus Fußball oder Tennis können sie von ihrem Sport kaum leben – weder während noch nach der aktiven Karriere. Wer sich andere Wege für die Zukunft offenhalten möchte, muss dann doch Sport und Uni miteinander kombinieren. Dafür entscheiden sich immer mehr Leistungssportler: Bei den Olympischen Spielen im Jahr 2000 studierten 27 Prozent der Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft, 2004 in Athen waren 33 Prozent der Olympioniken Studenten und in Peking bereits 37 Prozent.

Viele Hochschulen beschäftigen einen Spitzensportbeauftragten

Viele setzen mit dem Studium aus, wie Simon Grotelüschen – gerade während der Olympiavorbereitung. »Im Studium waren die Tage durchgetaktet. Während des Semesters trainierte ich entweder morgens oder abends, je nachdem, wann ich zur Uni musste«, sagt er. »In der vorlesungsfreien Zeit war das Pensum noch höher.« An den Hochschulen finden die Sportler Hilfe: Im ganzen Land unterhält der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Stützpunkte. Sogenannte Laufbahnberater sollen den Athleten dabei helfen, ihre Karriere abseits des Sports zu planen. Auch beschäftigen viele Hochschulen einen Spitzensportbeauftragten. Der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband hat vor dreizehn Jahren ein Vertragswerk entwickelt, welches den Sportlern das Studium erleichtern soll. »Partnerhochschulen des Spitzensports« nennt sich das Projekt, rund 90 Hochschulen machen mit. Sie ermöglichen den Studenten zum Beispiel, ihre Anwesenheit flexibler zu gestalten.

Simon Grotelüschen wollte schon immer studieren. »Es war mir wichtig, mir neben dem Segeln noch etwas anderes aufzubauen.« Trotzdem merkte er schnell, dass Studium und Sport schwierig zu vereinbaren sind. »Ich musste mir klare Ziele setzen. Als ich 2007 mit Medizin begann, wollte ich das Physikum ohne Unterbrechungen schaffen – als erste Etappe. Dafür habe ich das Segeln bis zur Olympiavorbereitung reduziert«, sagt Grotelüschen. Ganz ohne Training ging es aber auch während dieser ersten vier Semester nicht. Grotelüschen betont, dass er im Studium nichts geschenkt bekommen habe. »Das wollte ich auch nicht. Aber immer auf die Kulanz der Dozenten angewiesen zu sein ist belastend.« Er ging von Sprechstunde zu Sprechstunde, um zu zeigen, wie wichtig ihm der Sport, aber auch das Studium ist. Letztendlich können die Professoren nicht dazu verpflichtet werden, ihren Studenten Ausgleiche zu gewähren oder Klausuren zu verschieben.

Auch Kristina Reynolds hat ihr Ticket nach London bereits in der Tasche. Sie ist die Torhüterin der Hockey-Nationalmannschaft und studierte in Hamburg Medizin. »In den ersten beiden Jahren meines Studiums gab es nur Hockey für mich. An Noten habe ich kaum gedacht. Glücklicherweise habe ich trotzdem alle Prüfungen bestanden«, sagt die 28-Jährige, die ihr Studium im Frühjahr erfolgreich abgeschlossen hat. Ihre Entscheidung, sich mehr auf das Lernen zu konzentrieren, kam nach den Olympischen Spielen in Peking vor vier Jahren. Durch eine Schulterverletzung war sie ohnehin angeschlagen – es blieb mehr Zeit für das Studium. »An diesem Punkt habe ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber gemacht, was nach der Uni kommt.«