Jan-Hendrik Olbertz ist ein Uni-Versteher. Der 58-Jährige weiß, wie man eine Hochschule zusammenhält, welche Worte man wann sagen muss und wie man die subtilen Befindlichkeiten aufgreift, die unter der Oberfläche des akademischen Massenbetriebs treiben. Mitte Juni war es, gerade hatte er die Berliner Humboldt-Universität zum Sieg in der Exzellenzinitiative geführt, als Olbertz sich in die Aula stellte und einen erstaunlichen Satz sagte: "Ich will nicht verhehlen", sagte er, "dass ich unseren Exzellenzantrag sehr gern auf Deutsch anstatt auf Englisch gestellt hätte."

Was seinen Satz so erstaunlich machte: In Wirklichkeit hatte Olbertz den Antrag auch auf Deutsch eingereicht, weil die Regularien des Wettbewerbs dies nach Protesten in der ersten Vergaberunde erstmals zuließen: eine englische und eine deutsche Version. Warum dann also diese – zunächst völlig überflüssig erscheinende – Bemerkung?

Weil Olbertz damit mal wieder den Nerv traf. Von der Hochschulrektorenkonferenz bis hin zum Goethe-Institut, von überall her schallen die Klagen durch das Land, die deutsche Sprache gerate in Forschung und Lehre immer stärker unter Druck; der anglophile, ewig fortschrittsgläubige Mainstream sei dabei, eine jahrhundertealte Wissenschaftstradition endgültig über Bord zu kippen. Der ehemalige sächsische Kultusminister Hans-Joachim Meyer hat einmal gesagt: "Man wird schwerlich in der Welt noch eine andere Gesellschaft finden, die ihre eigene Sprache so schamlos missachtet und so hemmungslos aufgibt wie die deutsche Gesellschaft." Olbertz war der begeisterte Applaus seiner Zuhörer also sicher.

Wirklich unter Druck indes sind längst jene, die an den Hochschulen ihre Stimme erheben und sich noch trauen, das genaue Gegenteil zu fordern: mehr englischsprachige Vorlesungen; mehr englischsprachige Beiträge deutscher Wissenschaftler in internationalen Spitzenzeitschriften; kurzum: mehr internationale Vernetzung, die nun einmal – ob es einem gefällt oder nicht – die Nutzung der modernen Lingua franca, des Englischen, bedingt.

95 Prozent aller Lehrveranstaltungen werden auf Deutsch gehalten

Man mag sich gar nicht ausmalen, wie die Exzellenzinitiative abgelaufen wäre, hätte man den Elite-Uni-Antrag tatsächlich nur auf Deutsch stellen oder, wie Olbertz es vorschwebte, auf Deutsch verteidigen dürfen. Wie hätten denn international zusammengesetzte Gutachtergremien den Unis dabei helfen sollen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, wenn nur diejenigen am Gespräch teilgenommen hätten, die genug Deutsch können?

Und dennoch: Während die Hochschulen immer stärker unter dem vermeintlichen oder tatsächlichen Ökonomisierungsdruck stöhnen, kommt es besonders in Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften zu einer gedanklichen Verengung, die die Anwendung des Englischen mit einem Kniefall vor dem Schreckgespenst Neoliberalismus gleichsetzt. Ein gefährlicher Irrtum – und die Gelegenheit für eine längst überwunden geglaubte Provinzialität, sich an den Hochschulen breitzumachen.

Lassen wir anstelle von Befürchtungen einmal Zahlen sprechen: Nur fünf Prozent der Professoren in der Bundesrepublik stammen aus dem Ausland. Natürlich hat dies nicht nur mit der Dominanz des Deutschen als Wissenschaftssprache zu tun; wenn aber fast 95 Prozent aller Lehrveranstaltungen noch auf Deutsch gehalten werden; wenn in den Uni-Verwaltungen die Englischkenntnisse gegen null tendieren; wenn sogar unter den Hochschulrektoren zwei Drittel noch nie eine längere Zeit im Ausland verbracht haben, dann herrscht vielerorts eine Kultur, die mit dem Ideal grenzenüberschreitender Wissenschaft, einer Weltgemeinschaft der Akademiker, wenig gemein hat.

Auch für die Qualität der ausländischen Studenten und Akademiker in Deutschland hat es natürlich Konsequenzen, wenn fast überall von ihnen verlangt wird, dass sie ausreichend Deutsch sprechen, schon bevor sie ins Land kommen. Warum sollten sie sich das antun, fragen sich die besten Ingenieure, Ökonomen oder Politikwissenschaftler achselzuckend und wenden sich einem der Länder zu, in denen sie mit Englisch durchkommen: natürlich häufig den USA und Großbritannien, aber eben auch Schweden, den Niederlanden oder, man höre und staune, der Schweiz. So kommt zu uns eher die zweite Garde, die an den (vermeintlichen) Spitzen-Unis abgelehnt wird und dann erst den Weg nach Deutschland findet.