Als die älteste Schäuble-Tochter über ihre Kindheit spricht, erzählt sie, dass sie vier wilde Kinder waren, die viel draußen spielten. Zwei Jahre nach ihrer Geburt zog der Vater in den Bundestag ein und ging nach Bonn. "Dass der Papa im Fernsehen kam, das war ganz normal." Nicht normal ist es, als Kind eines Spitzenpolitikers aufzuwachsen, zumal im Schwäbischen, wo die Menschen stärker noch als anderswo darauf achten, was einer "schafft". Das hat dort eine doppelte Bedeutung: Was einer arbeitet und was einer leistet. Man kann sich vorstellen, wie das war: Die Lehrer, die anderen Kinder, deren Eltern, sie alle kennen den Vater. Wissen, was der tut. Sehen ihn an der Seite von Helmut Kohl. Bewerten, beurteilen, verurteilen.

"Es ist Fluch und Segen zugleich", sagt Strobl, "ich habe Zeitgeschichte hautnah miterlebt, viele interessante Menschen kennengelernt. Es schadet aber auch. Das darf man nicht unterschätzen."

1984 wird Schäuble Kanzleramtschef, 1989 Innenminister. Tochter Christine tritt der Jungen Union bei, oft begleitet sie ihren Vater zu Veranstaltungen. "Ich fand schon immer, dass er Sachen ganz gut erklären kann", sagt sie.

1990: Wahlkampf in der Euphorie der Wende. Schäuble hält eine Rede im badischen Oppenau, eine Routineveranstaltung. Christine steht draußen und verteilt Broschüren. Drinnen feuert ein Geisteskranker drei Schüsse auf ihren Vater.

Sie schluckt, als sie davon erzählt, bringt ihre Sätze nicht zu Ende, sagt nicht mehr "ich".

"Man trägt immer noch dieses Gefühl in sich: Hätte man doch etwas spüren müssen?"

Hätte man doch etwas spüren müssen?
Christine Strobl über das Attentat auf ihren Vater Wolfgang Schäuble

Eingebrannt in ihre Erinnerung hat sich die Fahrt zum Krankenhaus. Dem Sicherheitsmann, der sich in die letzte Kugel warf, wird schlecht, und die 19-Jährige bittet ihn, nicht zu sterben.

Sie hat das Attentat rationalisiert. "Das Wichtige bei so was ist", sagt sie, "dass man es sortiert bekommt. Ich habe akzeptiert, das ist eine Kerbe, und ich habe sie jetzt angenommen."

Ein Gutes hatte es: "Ich glaube, dass ich auch deswegen meinen Beruf mit einer gewissen Gelassenheit machen kann: Ich weiß, das ist mein Beruf, und es geht nicht um Leben und Tod."

Christine Strobl hat Jura studiert und 1999 als Trainee beim Südwestrundfunk (SWR) angefangen. Bald vertraute man ihr, der Referentin in der Intendanz, wichtige Projekte an. 2007 wurde sie Chefin des Kinder- und Familienprogramms, 2011 Chefin der Hauptabteilung Fernsehfilm. Nach 16 Monaten holten die ARD-Intendanten sie nach Frankfurt zur Degeto. Bei der Personalie führte Dagmar Reim, die Chefin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, die Feder. Sie selbst war 2003 die erste Intendantin bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Derzeit wird darüber diskutiert, wie mehr Frauen in die Redaktionsspitzen gelangen können. Journalistinnen haben den Verein Pro Quote gegründet und fordern, dass es in fünf Jahren 30 Prozent Frauen in den Führungsetagen geben müsse . Doch Strobls ehemaliger Chef, SWR-Intendant Peter Boudgoust, versteht zunächst nicht, was man will, wenn man ihn nach der Quote fragt. "Ach so, das meinen Sie! Nein, Frauen wie Christine Strobl brauchen keine Quote. Sie wird ihren Weg machen, mit oder ohne Quote." Warum? "Sie hält sich nicht raus. Sie mischt sich ein, auch, wenn es nicht nur sie betrifft." Boudgoust erinnert sich an eine Runde, in der die Sendung Tour de Ländle diskutiert wurde. Strobl war Trainee und fürs Marketing zuständig. "Trotzdem hat sie sehr deutlich ihre Meinung zu Personalfragen und Sendungsinhalten gesagt."