In neueren Studien über Amokläufer kommt heraus, dass für viele der jungen, am Rand stehenden Täter die blutige Raserei ein Weg gewesen ist, auf einen Schlag erwachsener zu sein als alle Erwachsenen zusammen. Sie begehen einen Massenmord, und nun müssen sie nichts mehr beweisen. Sie haben sich, so kommt es ihnen vor, in die Unsterblichkeit gemordet.

Der Schauspieler August Diehl zeigt in Salzburg den Prinzen von Homburg des Heinrich von Kleist als so einen unbeholfenen Verkannten. Er lebt so sehr unter dem Zwang, sich zu zeigen und aus dem Schatten zu treten, dass er den Krieg als Bühne braucht: Er möchte von der Welt gesehen werden.

In der ersten Szene sitzt er, "halb wachend, halb schlafend" (so lautet Kleists Regieanweisung), im Garten des Schlosses von Fehrbellin und flicht sich einen Kranz – "sich träumend, seiner eignen Nachwelt gleich, / Den prächtgen Kranz des Ruhmes einzuwinden".

Sein Traum gibt ihm einen Auftrag, den der Prinz nun im Wachzustand erfüllen wird: Er wird in die Schlacht des folgenden Tages ziehen, um sich Ruhm zu erwerben. Er hat es ja schon getan, nun muss er’s nur noch in der blöden Wirklichkeit wiederholen. Sein wahres Publikum, das ihm zusehen soll, ist unendlich groß: Die Nachwelt – alle, die noch kommen werden, sollen von ihm wissen. In Andrea Breths Salzburger Inszenierung ist der Prinz deshalb auch kein sanfter, offener, sondern ein ungeduldiger, böser Träumer. In Diehls Gesicht stiehlt sich, wenn um ihn herum im trägen Soldatenvolk die Pläne sich allzu langsam in Entschlüsse, Taten, Aufbrüche verwandeln, etwas hassvoll Gieriges: wie wenn ein Verdurstender plötzlich Wasser riecht und es nicht gleich trinken darf. Es kommt zwar immer alles so, wie er es längst gesehen und geträumt hat – aber zu spät. Der Prinz, ein Mann der Nachwelt, schaut voller Verachtung auf die Mitwelt.

Man kann verstehen, warum Andrea Breth den Schauspieler August Diehl für diese Rolle wollte. Wo er ist, ist auch immer eine Verschwörung, die er ahnungsvoll zu fassen kriegt. Diehl ist der ideale Darsteller des Umstürzlers und Aufdeckers aus reinem Herzen. Alles, was in der äußeren Welt stattfindet, muss ihm wie eine Intrige vorkommen, weil sein inneres Gesetz den äußeren Geschehnissen überlegen ist – er kann im Grunde nur enttäuscht, ja angewidert auf die Welt schauen.

In der Rolle des Prinzen von Homburg wächst August Diehl nun noch eine ganz neue Macht zu. Der Prinz hat vor allen anderen einen Vorsprung an Wissen und innerem Überblick, den nur der Traum bietet. Die anderen sind auf Intrigen angewiesen, auf Schachzüge und Schlachtpläne, mit denen sie der Allwissenheit des Träumers irgendwie nahekommen.

Diehl als Homburg – das müsste die perfekte Besetzung sein. Warum geht die Sache dann doch nur halb gut? Weil Diehl seine Figur allzu sehr ins Pathologische verzerrt. Aus dem Träumer wird ein Fall, aus dem Traum ein "Schub".

Als der Prinz hört, dass das schwedische Heer anrückt, beginnt er zu hyperventilieren. Der Angriff versetzt ihn in die höchste Erregung, er bläst die Backen, er atmet wie ein Getroffener, er spürt alle Schüsse, die in der Ferne fallen, als träfen sie seinen eigenen Körper, er fängt sie alle ein. Er windet sich, denn er nimmt den Krieg komplett persönlich, gerade so, als wolle er den feindlichen Schützen zubrüllen: Hierher! Hier bin ich doch!

Der Prinz ist nur dann ganz bei sich, wenn er träumt. Nun, im Krieg, darf er endlich wach sein. Sein Kopf ist voller Bilder von Triumph und Unsterblichkeit, und nur die Schlacht ist seiner Fantasie ebenbürtig. Der Prinzenkopf ist überhitzt, und der Rest des Körpers, ja die ganze Welt ist dazu da, ihn zu kühlen: Auch der Krieg hat die Aufgabe, ihm Linderung zu verschaffen.