Staat, Kapital, Nation. Ein kleiner Vorgang hat an die ganz großen Themen Frankreichs gerührt. Im Ballungsraum Paris, der sozialistisch regiert wird, hatte ein öffentliches Transportunternehmen den abgelaufenen Vertrag für seine Hotline ausgeschrieben, und es gewann der günstigste Anbieter. Das Problem: Dessen Callcenter liegt in Marokko. Mit dem Hinweis auf 80 Arbeitsplätze in Frankreich, die dadurch wegfielen, alarmierte nun der unterlegene Wettbewerber die rechte Opposition, und die tönt seither: Die Linke verlagert Arbeitsplätze nach Afrika!

Arnaud Montebourg, der sehr sozialistische "Minister für Wiederaufrichtung der Produktion", forderte seine Pariser Genossen daraufhin auf, den Beschluss zu "überdenken". Außerdem, so meldet es das Wirtschaftsblatt Les Echos, arbeite man nun an einer Veränderung des Ausschreibungsrechts, das wider alle europäischen Regeln "den Beschäftigungsort berücksichtigen" solle.

Mag auch Frankreichs Präsident François Hollande seinen Minister zwischendurch vor "protektionistischen Übertreibungen" gewarnt haben, Montebourg hat fast alle Franzosen auf seiner Seite. Sie halten es für selbstverständlich, dass mit öffentlichen Geldern im eigenen Land Arbeit gekauft werden sollte – da hört sogar die Arbeitersolidarität der Gewerkschaften mit den marokkanischen Kollegen auf.

Der Fall steht nicht allein. Dass Wirtschaftssubjekte gewissermaßen Mandatsträger der Nation sind, zählt in Frankreich zu den Überzeugungen, die Rechte und Linke einen. Ein Denken, das in der Geschichte der französischen Staatsentstehung wurzelt. Sie kulminierte im Kampf der Kardinäle Richelieu und Mazarin gegen jede Form des "Staats im Staate": Ob Adel, Klerus oder Hugenotten, sie alle hatten sich der einzig legitimierten Macht zu unterwerfen, dem Zentralstaat. Die Französische Revolution verstärkte dieses Motiv, denn nun wurde das Volk die Nation, und nach einem Umweg über zwei napoleonische Kaiserreiche stand fest: Nichts geht über die demokratische Legitimation. Sie macht aus dem Staat das Integral der französischen Gesellschaft. Der Demokratie gegenüber ist keine andere Macht autonom, auch nicht die Wirtschaft. Mit anderen Worten: Die Bürger sollen als Citoyens, als Mitglieder des politischen Gemeinwesens, die alleinigen Herren ihres Schicksals sein.

In der Nachkriegszeit restaurierte Charles de Gaulle dieses Fundament, bekannte sich ausdrücklich zum "Dirigismus". Auch wenn er sich zuweilen über sich selbst lustig machte, etwa als er in den sechziger Jahren seinen Ministern gegenüber klagte: "Immer mehr Leute gehen zum Friseur, immer mehr Frauen lassen sich da immer mehr Sachen machen. Unter dem Gesichtspunkt des nationalen Interesses ist das nicht zu rechtfertigen." Ganz sicher waren sich die Minister damals nicht, ob das wirklich ein Scherz war.

Die Grenze von Privatautonomie und patriotischer Pflicht verläuft auch heute anders als etwa in Deutschland. Gängig sind beispielsweise Aufrufe, Franzosen sollten französische Autos bevorzugen. Frankreich ist eben nicht einfach bloß ein "Südland", wie die neueste Einordnung im Rahmen Europas lautet, sondern auch eine spezifische, Nation gewordene Definition dessen, was Republik und was öffentliches Wohl ist. Diese Definition schwingt mit, wenn über das Verhältnis von Staat und Kapital gesprochen wird, und das erst recht, seit die Franzosen von ihrem Staat verlangen, sie vor der Globalisierung zu schützen.

In diesem kulturellen Koordinatensystem manövriert François Hollande. Die Frage lautet nur, ob es Frankreich unter diesem Präsidenten gelingen wird, ein neues Verhältnis von Republikanismus und Modernisierung zu finden, von Souveränitätsdenken und Öffnung zur Welt. Auf seinen Minister Montebourg kann Hollande dabei kaum zählen. Der erklärte kürzlich, er sei "für das Ende der Welthandelsorganisation WTO, dieser Organisation, die nur eins organisiert, unsere Entwaffnung".