Solche Geschichten übermenschlicher Liebe sind in Südafrika an der Tagesordnung. Immer geht es um Vergebung, Nächstenliebe, Ermutigung, Gemeinschaft. Hier hat der christliche Glaube noch eine soziale Kraft. Keine sprengende, sondern eine vereinende. Als unsere Kinder sich an die neue Sprache gewöhnt und eingelebt hatten, erkrankte in ihrer Schule der siebenjährige Zach an einem Gehirntumor. Die ganze Nachbarschaft half, kochte, fuhr seine Brüder in die Schule und sammelte Geld für die Mutter, damit sie möglichst viel Zeit bei ihm im Krankenhaus verbringen konnte. Zach ist jetzt zwölf. Und Dutzende Freunde stehen der Familie immer noch bei mit allem, was sie haben. Das ist Jesus in Action.

Der Glaube der Südafrikaner ist radikaler als Punk oder Revolution

Unter Südafrikanern lernten wir einen Gott kennen, der in den Menschen lebt und nicht in einem Kirchengebäude. Einen persönlichen Gott, der Humor hat, der liebt und den Menschen Zuversicht gibt. Einen Glauben, der radikaler ist als Punk, Kommunismus, Feminismus und jede Revolution. Der Krankheit, Rassen und Klassen überwindet. Einen gerechten Gott, der es ablehnt, dass ein Prozent der Bevölkerung 50 Prozent des Profits einstreicht, und der jedem jederzeit ein neues Leben anbietet.

Jesus gab sich gern mit Außenseitern ab und schien ständig mit seinen Jüngern Wein zu trinken. Vor 200 Jahren taten die deutschen Missionare in Südafrika etwas Ähnliches. Sie brachten ehemaligen Sklaven Lesen, Schreiben, Musizieren und ein Handwerk bei. Sie führen heute noch basisdemokratische Kommunendörfer in allen Teilen des Landes. Auf uns wirken sie wie wahr gewordene Utopien – und das hat uns zu Christen werden lassen.

Seither sehen wir die Kraft des Glaubens nicht nur in Südafrika. Der Amerikaner Shane Claiborne zum Beispiel hat schon viele Jahre vor der Occupy-Bewegung 10.000 Dollar in Münzen und kleinen Scheinen auf die Wall Street gekippt, und einen Tumult verursacht, dass die Straße abgesperrt werden musste. Radikale Großzügigkeit verschließt die Türen der Gier – so lautete seine christliche Botschaft.

In unserem deutschen Freundeskreis wären wir auf mehr Verständnis gestoßen, wenn wir Buddhisten, Veganer oder akoholabhängig geworden wären. "Ihr glaubt echt an die Bibel?" – "Ja, wir leben danach." – "Also seid ihr Fundamentalisten? Wie Bush und die Leute, die vor Abtreibungskliniken stehen?" – "Nein, aber wir glauben, dass Jesus wiederauferstanden ist und in uns lebt." "Ewiges Leben, Himmel und Hölle?" – "Genau. Und wir glauben an ein Leben vor dem Tod." –"Oh..." Spätestens jetzt wird die zweite Flasche Pinotage entkorkt.

Nicht jeder unserer Freunde glaubt nach ein paar Flaschen Wein, was wir glauben, aber wir haben den Stein ins Rollen gebracht, die Kultur des Glaubensaustausches angeregt. Die meisten wissen ja nicht, was es heißt, ein Christ zu sein. Wir sind immer wieder überrascht, wie wenig wir selber lange Zeit wussten. Wir sind zwar konfirmiert, einer von uns ist sogar in einem katholischen Internat zur Schule gegangen, doch das hatte unser Leben bis dahin nicht weiter beeinflusst. Erst Südafrika, wo wir eine andere Sprache sprechen und ein fremdes Land verstehen mussten, half uns, eine Offenheit zu entwickeln, für die wir sonst nicht bereit gewesen wären. Offenheit auch für einen Glauben, den wir längst als verstaubt abgelegt hatten.

Anfangs war Südafrika nur Abenteuer, ein Vordringen in unbekannte Welten, das wir wie Anthropologen betrieben. Und es war unheimlich und faszinierend zugleich, wenn wir in einem fremden Wohnzimmer saßen bei Menschen, die mit geschlossenen Augen Hände auflegten, in Zungen beteten oder unter Tränen erzählten, was Gott in ihrem Leben bewirkt hatte.

So verrückt das alles zunächst wirkte, die Menschen waren aufrichtig, und die Zeugnisse ihrer transformierten Leben waren die besten Geschichten, die wir je gehört hatten. Wie die von Enrico. Enrico war ein hochrangiger Gangster. Seine Zähne sind aus Gold, er ist von Kopf bis Fuß tätowiert, sein Rang ist ihm in die Haut gestochen, seine Vergangenheit offensichtlich, jeder Gangster muss ihn respektieren. Vor drei Jahren erschoss er beim Säubern seiner Waffe seinen besten Freund. Als er begriff, dass Gott ihm vergab, was er sich selbst nicht vergeben konnte, änderte sich alles für ihn. Er ließ sein Verbrecherleben hinter sich, verdient jetzt sein Geld mit Gelegenheitsjobs, sammelt und repariert Spielzeug für Kinder, schreibt Theaterstücke für Jugendliche.

Oder James, den Gott schwer krank im Krankenhausbett aufsuchte, obwohl James nichts von ihm wissen wollte, und ihn auf einen Schlag heilte. Seine Familie dachte, er sei verrückt geworden, als er plötzlich zu beten begann und nur noch von Gott sprach. Bis dahin hatte nur seine Frau gebetet und an den Straßenecken gepredigt, und auch das nur, wenn sie betrunken war. James hörte auf zu trinken, betrog seine Frau nicht mehr und brachte seine ganze Familie zum Glauben. Einschließlich seines unehelichen Sohns, der von Crystal Meth loskam.

Das war, was uns als Schriftsteller faszinierte: die Menschen und ihre Dramen, die so wahr und wild waren. So lasen wir auch die Bibel, als tiefbewegende Geschichte echter Menschen. Das beste Buch aller Zeiten, wie schon Bertolt Brecht gesagt hat.