Anfangs war unser Glaube noch ein wenig verschwommen, enthielt viel Zweifel und Skepsis. Aber nach und nach entfaltete sich die Wahrheit in ihrer ganzen Schönheit. Das hört nie auf. Die radikale Liebe Gottes, die Freiheit, die wir in ihm finden, und wie Jesus sich in jedem Menschen spiegelt – um das zu verstehen werden wir mehr als nur ein Menschenleben brauchen. Dazu braucht man ein ewiges Leben, denn der Glaube sprengt unser weltliches Denken.

In Südafrika erleben wir, wie der Glaube die Herzen der unterschiedlichsten Menschen verknüpft. Das ist mehr als eine Religion, das ist real und lebensverändernd. Zum ersten Mal fanden wir Freunde, die in keiner Weise waren wie wir. Die nicht die gleichen Bücher gelesen, die gleichen Filme gesehen, die gleiche Musik gehört hatten. Wir sind ihnen trotzdem nahe. Wie Patrick, unserem jungen Freund vom Stamm der Xhosa. Patrick hatte in der zehnten Klasse die Schule verlassen, mit dem Wildern von Abalonemuscheln für die Gangstersyndikate etwas Geld verdient und blieb nach einem Fahrradunfall querschnittsgelähmt. Wir lernten uns im Krankenhaus kennen und beteten jede Woche zusammen, aber es ging bergab mit ihm. Die Bettwunden schlossen sich nicht, er hatte Aids und war depressiv. Er wurde immer dünner und immer schwächer und schlief den ganzen Tag mit einem Laken überm Kopf. Die Ärzte und sogar seine Familie hatten ihn schon aufgegeben.

Aber dann kam Sipokasi, eine alte Schulfreundin von Patrick, und schlug vor, ihn zu taufen. Über Nacht ging es Patrick besser. Die Ärzte waren baff. Denn die Veränderung war offensichtlich. Es war, als hätte man ein Licht in ihm angeknipst. Seine Depression verschwand, er nahm zu, und wenige Wochen später wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Mutter war außer sich vor Freude. Sie glaubte, dass jemand zuvor mithilfe eines Zauberdoktors einen Fluch auf ihre Familie gelegt hatte. Das Verwünschen aus Neid und Eifersucht ist häufig unter den Xhosa, und viel Geld wird verschwendet, Flüche mit Gegenzaubern aufzuheben.

Sogenannte Sangomas bieten ihre zauberkräftige Hilfe in allen Bereichen an: Krankheit, Schulden, Ehestreit, Erektionsprobleme, unerwiderte Liebe – für alles gibt es ein Muti, einen Zauberspruch und ein Mittelchen. Prostituierte zahlen jeden Monat eine beträchtliche Summe, um vor Aids und Schwangerschaft geschützt zu werden, was ihnen trotzdem nicht hilft.

Rose, eine moderne junge Xhosa-Frau, wurde schon als Kind in ihrem Clan als Sangoma vorgesehen. Die Welt der Zauberei, wie sie uns Deutschen in den Märchen der Brüder Grimm überliefert wird, ist für real. Wassergeister, Hexen und Dämonen. Etwa ein Jahr nachdem sie Christin geworden war, begann der wirkliche Kampf um sie. Wann immer sie anfing laut zu beten, kamen unangenehme Dinge aus ihrem Mund, Schimpfworte, Flüche, unheimliches Zeug. Es überkam sie jedesmal ganz plötzlich, und mehrmals musste sie deswegen aus der Kirche rennen. Die Kirchenfamilie aber betete unverdrossen. Und Gott half Rose mit seiner Liebe, die Angst wich, die Attacken hörten auf, und sie kamen nie wieder zurück.

Durch Freunde wie Patrick und Rose lernten wir, dass der christliche Glaube in Afrika nicht nur eine Lebenshaltung oder eine Philosophie ist. Für Patrick wurde mit dem Heiligen Geist die Macht der bösen Geister über seine Familie gebrochen. Er glaubt an einen realen Gott, der ihn beschützt: einen persönlichen Gott der Wunder, der allen anderen spirituellen Wesen, die den Menschen schaden könnten, überlegen ist.

Die Europäer kennen das Wort Kirche, aber keine Gemeinschaft

Die Jesusgeschichte, dass Gott am Kreuz für unsere Sünden gestorben und seine Wiederauferstehung Triumph über den Tod ist, das leuchtet jedem Afrikaner ein – während die Westeuropäer das Übernatürliche nur noch symbolisch verstehen. Also gar nicht.

Wir aber haben in Afrika gelernt, dass das Evangelium die unterschiedlichsten Menschen in einer Familie zusammenbringt, denn die Stärke des Glaubens liegt im Ubuntu, wie die Xhosa den bedingungslosen Zusammenhalt der Gemeinschaft nennen. Die Europäer kennen dafür zwar das Wort Kirche. Nur dass ihnen seine radikale frühchristliche Bedeutung verloren gegangen ist.

Uns hat der Glaube auch als Familie stärker gemacht und unsere Liebe füreinander vertieft. Es ist fast so, als würden wir unser Leben plötzlich dreidimensional sehen statt nur skizziert. Und wir können uns gar nicht mehr vorstellen, wie andere Menschen ohne Jesus eine Ehe führen, wie sie die Pubertät ihrer Kinder meistern, wie sie Geldkrisen, Sorgen, Sehnsüchte, Ängste, Todesfälle ertragen, wie sie auch nur das eigene Älterwerden bewältigen.

Wir haben in Afrika auch begriffen, dass wir nicht alles verstehen müssen. Was wir wissen, ist, dass Gott uns den Auftrag gibt, diese Welt zu einer besseren zu machen. Ganz einfach. Mit Humor, mit Freude und mit unserer Kunst. Mit aufrichtiger- Liebe füreinander. Von Mensch zu Mensch – aber mithilfe einer Kraft, die göttlich ist.