Ingeborg Bachmann (1926 bis 1973) und Siegfried Unseld kannten einander, seit sie 1955 der Einladung Henry Kissingers an die Harvard Summer School gefolgt waren. Es sollte noch bis zu dem Roman Malina dauern, dass Bachmann Unselds Autorin wurde. Ihre Gedichte und Erzählungen erschienen weiterhin bei Piper; doch ihr erster Roman kam im März 1971 im Suhrkamp Verlag heraus. Es war der einzige zu Lebzeiten Bachmanns erschienene Roman der geplanten Trilogie Todesarten.

Als Lektoren waren keine Geringeren als Martin Walser und Uwe Johnson mit dem Manuskript betraut worden. Sie reagierten weitsichtiger und klüger als jene Kritiker, die der »gefallenen Lyrikerin« (Marcel Reich-Ranicki) den Wechsel zur Prosa nicht verzeihen wollten. Hilflos waren die ersten Reaktionen auf einen Roman, der nicht nur in formaler, sondern auch in thematischer Hinsicht ein völlig neues Terrain beschritt.

Das Buch verkaufte sich trotzdem sehr gut, Siegfried Unseld schaltete – erstmals überhaupt! – eine Anzeige im Spiegel (was damals 7500 D-Mark kostete), und die als kapriziös geltende Ingeborg Bachmann absolvierte eine Lesereise durch Deutschland mit »balkanischer Disziplin«, wie sie dem »lieben Siegfried« nicht ohne Stolz in einem Brief mitteilte. Er war in ihre Suchtproblematik eingeweiht.

Berühmt geworden ist der letzte Satz des Romans: »Es war Mord.« Ermordet wurde keine im traditionellen Verständnis konkrete Person. Vielmehr verschwindet ein weibliches Ich in der Wand. Die Adresse lautet Ungargasse 6, Wien, dritter Bezirk. Die Zeit wird mit »heute« angegeben. Das Ich und ein Herr namens Malina wohnen zusammen. Ein Herr? Malina wird gewöhnlich als der männliche Teil des weiblichen Ich gedeutet, als das Vernunftprinzip schlechthin, das sich durchsetzt und – überlebt.

Was Malina nicht sehen will, sieht er nicht. So ignoriert er beispielsweise nach Kräften, dass das Ich verliebt ist: in Ivan, einen Ungarn aus der Nachbarschaft, um den das Ich einen Gottesdienst veranstaltet. Einen recht weltlichen Gottesdienst allerdings: Das Telefon, in Erwartung eines Anrufs, wird zum Altar, der banale Alltag, mit Ivan aufgeladen, zum Wunder; was dem angehimmelten Durchschnittsmann ziemlich lästig ist.

Zu dem Macho Ivan, der unbeschwert den Moment leben möchte, und dem mysteriösen Malina (»zur Tarnung« sei er »Staatsbeamter der Klasse A, angestellt im Österreichischen Heeresmuseum«) gesellt sich ein »dritter Mann«. Es ist die zum KZ-Schlächter und Tochtermörder überhöhte Vaterfigur. Diesem inzestuösen Monster gilt das mittlere der drei Kapitel des Romans. In quälend zu lesenden Szenen wird hier eine Tochter, eben das erzählende Ich, vom Vater vergewaltigt, gefoltert, seelisch zerstört. Auf dem »Friedhof der ermordeten Töchter« zu landen, scheint ihre Bestimmung zu sein; eine seltsam brutale Komposition, die Ingeborg Bachmanns Entsetzen angesichts des Einmarsches der deutschen Truppen 1938 in Klagenfurt reflektiert, dieser »ersten Katastrophe« ihres Lebens. Ihr Vater, der Lehrer Matthias Bachmann, war damals Mitglied der NSDAP.

Doch so irritierend der Verdacht ist, der sich gegen den konkreten Vater richtet, so sehr muss auf die abstrakte Figurenzeichnung verwiesen werden, die für das Ich und für Malina schließlich genauso gilt. Auf innovative Weise, virtuos und verwegen, antwortet Ingeborg Bachmanns Prosa der Herausforderung durch die freudsche Psychoanalyse, die inneren Schauplätzen eine gleichrangige Realität zugesteht wie äußeren Erscheinungen. Das Entscheidende aber ist, dass sich diese inneren Schauplätze mit der Geschichte, hier: mit der historischen Schuld, vermischen.