Dass Peter Handke (geboren 1942) zu den großen Dichtern gehört, daran gibt es schon deshalb keinen Zweifel, weil er Wunschloses Unglück geschrieben hat, eines seiner innigsten und wahrhaftigsten Bücher. Es beginnt so: "Unter der Rubrik ›Vermischtes‹ stand in der Sonntagsausgabe der Kärntner Volkszeitung folgendes: ›In der Nacht zum Samstag verübte eine 51-jährige Hausfrau aus A. (Gemeinde G.) Selbstmord durch Einnehmen einer Überdosis von Schlaftabletten.‹ Es ist inzwischen fast sieben Wochen her, seit meine Mutter tot ist, und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis, über sie zu schreiben, sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurückverwandelt, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte." Er macht sich an die Arbeit, aber sie fällt ihm schwer: "Die zwei Gefahren – einmal das bloße Nacherzählen, dann das schmerzlose Verschwinden einer Person in poetischen Sätzen – verlangsamen das Schreiben, weil ich fürchte, mit jedem Satz aus dem Gleichgewicht zu kommen. Das gilt ja für jede literarische Beschäftigung, besonders aber in diesem Fall, wo die Tatsachen so übermächtig sind, daß es kaum etwas zum Ausdenken gibt." Die übermächtigen Tatsachen: eine Kindheit im südlichen Kärnten, im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien, geprägt von Armut und erstarrter Religiosität. Dass Frauen eine Ausbildung erhalten, ist undenkbar. Sie kriegen Kinder, arbeiten im Haushalt, in der Landwirtschaft. Sie sind "selten wunschlos und irgendwie glücklich, meistens wunschlos und ein bißchen unglücklich". Und dann der irgendwie willkommene Umsturz: Die Deutschen besetzen das Land. "Zum ersten Mal gab es Gemeinschaftserlebnisse." Sie verliebt sich in einen Nazioffizier, wird schwanger, der Mann kehrt zurück zu seiner Familie. Sie heiratet einen anderen Deutschen, der um sie wirbt, geht mit ihm nach Berlin, kehrt bald nach Kärnten zurück, der Mann folgt ihr, wird trunksüchtig, er schlägt sie. "Diese Geschichte", so heißt es einmal, "handelt von Schreckzuständen, so kurz, daß die Sprache für sie immer zu spät kommt." Und doch ist es kein ganz und gar elendes Leben. Die Frau ist hübsch, sie wird nach und nach selbstbewusst, im Ort ist sie beliebt. Sie liest die Bücher, die der Sohn ihr schickt, man schreibt einander Briefe. Und dann reißt etwas. Der Arzt spricht von Nervenzusammenbruch. Die Mutter bringt sich um. Und das Geheimnis dieser traurigen Geschichte besteht darin, dass man sie atemlos liest. Das macht Handkes Sprache, in der sich Inbrunst und Distanz, Poesie und Präzision aufs Kunstvollste verbinden.