Ferienlektüre eines 15-Jährigen, eingeschlagen in Zeitungspapier – nicht etwa als Schutz vor Sand und Salzwasser, sondern vor etwaigen bösen Blicken am überfüllten Ostseestrand: Der Archipel Gulag war in der DDR auch im Sommer 1988 noch das allergefährlichste Buch von allen, randvoll mit angeblicher staatsfeindlicher Hetze; und er wusste ja, dass eine Denunziation böse Folgen haben konnte, von denen ein Schulverweis womöglich noch die harmlosere Variante wäre. Durchaus wohligen Schauder über pubertären Wagemut gab es beim Lesen also gratis dazu. Doch der Stoff hatte es ja auch in sich; gegenüber den bereits verschlungenen Wolfgang Leonhard, George Orwell und Leo Trotzki bot Alexander Solschenizyn (1918 bis 2008) eine nochmals gesteigerte Dosis offiziell geleugneter Wahrheit über die stalinistischen Verbrechen. Die Erschütterung war die gleiche wie die von Millionen Lesern weltweit, nachdem das Werk Ende 1973 erstmals in Paris erschien.

Acht Jahre hatte Solschenizyn in sowjetischen Lagern verbracht, eher er 1953 freikam. Er begann zu schreiben und wurde mit der Erzählung Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch über einen Lagerinsassen berühmt, die 1962 erschien. Das sollte seine einzige offizielle Veröffentlichung in der Sowjetunion bleiben; die Parteiführung hatte sich für Unterdrückung statt Umarmung ihres Gegners entschieden. Der jedoch nahm den Kampf auf, was zu einer heroischen Konstellation führte: ein Einzelner gegen die geballte Macht einer Diktatur. Unerschütterlich arbeitete der verfemte Autor zurückgezogen an seinen Werken, deren Manuskripte er vor dem KGB versteckte – während die Partei in ihm zu Recht den Staatsfeind Nummer eins sah. 1970 erhielt er den Literaturnobelpreis für seinen im Westen erschienenen Roman Der erste Kreis der Hölle, ohne ihn in Stockholm entgegennehmen zu können – der Rückweg in seine Heimat wäre ihm mit Sicherheit versperrt worden.

Solschenizyn jedoch machte weiter. Seit den fünfziger Jahren hatte er insgeheim an jenem einzigartigen Werk gearbeitet, für das er weltberühmt werden sollte: Der Archipel Gulag erzählte in noch nie dagewesener Intensität vom stalinistischen Massenterror und dem System der sowjetischen Arbeitslager, indem er Erfahrungen des Autors mit Zeitzeugenberichten und historischen Quellen verband und sprachgewaltig präsentierte. Die Publikation im Westen war eine Sensation – ideell sicher der stärkste je geführte Schlag gegen den Kommunismus. Prompt verwiesen die Machthaber Solschenizyn 1974 des Landes. Wer von endlosen Grausamkeiten liest, über sadistische Folterknechte und leidende Häftlinge, stumpfen Lagergeist oder gar verzweifelte Aufstände von Todgeweihten in Sibirien, der wird den Autor für seine zähe Ausdauer bewundern, Millionen Opfern eine Stimme zurückzugeben. Das fürchterliche Antlitz des 20. Jahrhunderts, das Alexander Solschenizyn in diesem literarischen Denkmal enthüllte, mahnt uns immer noch.