Generalmajor Charles Bolden sieht nicht gerade wie ein Staubsaugerverkäufer aus. Er hat die Statur eines Quarterbacks. Sein Anzug wirkt maßgeschneidert. Dennoch steht er Mitte Juli auf der Bühne des Euroscience Open Forum in Dublin und will etwas verkaufen, das teuer ist, dessen konkreter Nutzen sich aber nicht jedem erschließt. "Letztendlich geht es uns um die Menschen, darum, ihr Leben besser zu machen", ruft er den Journalisten und Wissenschaftlern im Auditorium zu.

Bolden war Kampfpilot im Vietnamkrieg, danach wurde er Astronaut. Jetzt ist er Chef der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa. Dieser Tage ist das ein schwieriger Job, vielleicht vergleichbar mit dem eines Finanzministers in Südeuropa. Man kann ihn nur mit einer Prise Pathos bewältigen. Zwar muss Bolden nicht für marode Staatsanleihen werben. Aber für etwas, das spätestens seit der Finanzkrise bei Steuerzahlern ähnlich große Vorbehalte hervorruft: die Reise zu den Sternen.

Immerhin hat Bolden einen ziemlich beeindruckenden Staubsauger mitgebracht. Er ist so groß wie ein Kleinwagen und beinahe eine Tonne schwer. Fast fünf Kilogramm Plutonium, die langsam in seinem Innern verglühen, treiben ihn an. Und im Halbdunkeln erinnert das Modell an den Disney-Roboter Wall·E .

Der Name des Rovers ist Curiosity . Er soll am 6. August auf dem Mars landen. Per Fernsteuerung werden Nasa-Mitarbeiter das Gefährt dann über den roten Sand lenken, jahrelang. Der Rover wird Gesteinsbrocken aufbohren und den Staub zur chemischen Analyse in sein Inneres befördern. "Amaaaazing research", nennt Bolden das.

Die großartige Forschung soll ein altes Rätsel lösen: Ähnelte der Mars vor vielen Milliarden Jahren einmal der Erde? Heute ist unser Nachbarplanet eine lebensfeindliche Wüstenwelt. Anders als die Erde schützen ihn weder ein Magnetfeld noch eine Ozonschicht, weswegen auf seiner Oberfläche pausenlos sterilisierende Strahlung niedergeht. Außerdem ist seine Atmosphäre so dünn, dass flüssiges Wasser dort rasch verdampft – trotz Höchsttemperaturen von gerade mal 20 Grad Celsius.

Man vermutete im roten Sand die Überreste einer Zivilisation

Aber ausgetrocknete Flussbetten und Abflussrinnen im Profil seiner Oberfläche zeugen davon, dass der Mars einmal anders aussah. Er könnte ein nasser und warmer Planet gewesen sein , glauben viele Forscher. Auf ihm könnte es Flüsse und Seen gegeben haben, vielleicht sogar einen Ozean in der nördlichen Tiefebene. Es soll regelmäßig geregnet haben, das Wasser soll Hunderte Millionen von Jahren geflossen sein. In solch einer Welt hätte ziemlich sicher Leben entstehen müssen, lange bevor es sich auf der Erde entwickelte.

Derartige Szenarien faszinieren Wissenschaftler und Laien seit den Kindertagen der Marsforschung. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts vermutete man im roten Sand die Überreste einer mächtigen Zivilisation, die einst Wasser aus gewaltigen Kanälen schöpfte. Immerhin bis in die 1950er Jahre war der Glaube an eine Fauna von Gräsern und Pflanzen auf dem Mars Kanon. Auch wenn heute klar ist, dass es dort allenfalls Mikroorganismen geben kann, hat das der Faszination für den roten Planeten keinen Abbruch getan. Vielleicht, so spekulieren Mars-Enthusiasten, schleuderte einer der vielen Meteoriteneinschläge dort vor vier Milliarden Jahren einen Brocken mit Bakterien ins All, der dann kurz darauf die biologische Evolution auf der Erde angestoßen hat. Sind wir am Ende alle Marsmenschen?

Jene, die für weltanschauliche Träumereien nichts übrig haben, will Generalmajor Bolden mit anderen guten Gründen vom Nutzen der Raumfahrt überzeugen. Nummer eins: Wie keine andere Disziplin könne sie junge Menschen für Technik begeistern, "wohin ich auch gehe, sehe ich dieses Feuer in den Augen von Schülern, die verstanden haben, wie wichtig Wissenschaft, Technologie und Mathematik sind", ruft er ins Dubliner Auditorium.

Es ist die wackelige Logik eines Utilitaristen: Große Erfolge der Raumfahrt machen ganze Generationen zu Ingenieuren; diese lösen die Probleme der Welt. Doch der direkte Nutzen der Raumfahrt hat sich nie eindeutig belegen lassen. Weder anhand von Studentenzahlen noch mit der angeblichen Fülle von Patenten. Auch die berühmt-berüchtigte Teflonpfanne eignet sich nicht als Beispiel für einen Spin-off; ihre Beschichtung wurde Jahrzehnte vor der Mondlandung erfunden.