Das Gesamtkunstwerk Böttcherstraße ist fast so populär wie die Bremer Stadtmusikanten. Gleich hinterm Marktplatz, der guten Stube Bremens, beginnt diese Gasse, in der sich Besucher aus aller Welt plötzlich in einer Anderwelt wiederfinden: scheinbar uralte, schmalbrüstige Bürgerhäuser mit blitzenden, altdeutschen Butzenscheibenfenstern und Backsteinbögen, mit schräg gezackten Giebeln und Gauben, dazu unzählige Reliefs und Skulpturen. Statt Verkehrslärm gelegentlich helles Geklingel eines Glockenspiels aus Meissener Porzellan. Wie schon vor 75 Jahren findet man hier viele Kunsthandwerkerläden, es gibt drei Restaurants, ein Programmkino, ein Fünfsternehotel – außerdem inzwischen drei Museen.

Wie kam all dies zustande, und was soll es bedeuten? Anders als viele andere deutsche Altstadtquartiere, etwa das Bremer Schnoor-Viertel, ist die Böttcherstraße nicht in Jahrhunderten gewachsen. Nein, sie ist gleichsam aus dem Boden gestampft, künstlich zusammengesetzt aus Versatzstücken, die vom Altgermanischen bis zum Art déco, von der Backsteingotik und Renaissance bis zur Moderne reichen. Um die Bedeutung der Böttcherstraße zu verstehen, muss man an ihre Gründergestalt erinnern, den bulligen Kaffee-Hag-Magnaten Ludwig Roselius, der um 1900 ein Vermögen mit der Erfindung und Vermarktung entkoffeinierter Kaffeebohnen machte. Der Unternehmer Roselius hatte in Amerika gelernt, wie man Produktmarketing betrieb. Die Böttcherstraße nannte er »Propagandastraße«. Es waren Konsumenten, die mit anspruchsvoller Kultur, Kunst und hochwertigem Kommerz hierher gelockt werden sollten.

Um die Jahrhundertwende erwarb Roselius das schönste der Packhäuser an der heruntergekommenen, engen Gasse zwischen Marktplatz und Weser, wo einst die Fass- und Zubermacher ihrem Handwerk nachgegangen waren. Dieses Haus Nummer sechs, das einzige Gebäude, das dem Abriss entkam, ließ er umbauen zu einem scheinbar alten Stufengiebelhaus. Heute heißt es Roselius-Haus; es beherbergt den Kern der dreiteiligen Kunstsammlungen Böttcherstraße: die Mittelalter-, Renaissance- und Barock-Stücke, in der Atmosphäre eines Bürgerhauses. Hier – zwischen alten Gemälden und Skulpturen, Ledertapeten und historischem Mobiliar – stilisierte sich der neureiche Roselius als alteingesessener Patrizier.

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Nach dem Berliner Vorbild Wilhelm von Bodes schuf Roselius seine »Wohnräume der Kunst«. Anders als Bode aber, der die italienische Renaissance ins Zentrum seines großen Berliner Museums rückte, wollte Roselius nordisch sein, ans protestantische »Vätererbe« anknüpfen; daher die ansehnliche Auswahl von Lucas-Cranach-Gemälden, darunter ein wunderbar weich gegebener Christus als Schmerzensmann . Ebenbürtig eine berückend innige Riemenschneider-Pietà, die zu den Zimelien der Sammlungen zählt. Von hoher Qualität und Lebendigkeit ist auch die Reihe prächtiger Marienleben- und Madonnen-Bilder aus dem Rheinland und den Niederlanden, wenn auch inzwischen dieser Rubens und jener Rembrandt zu Werkstattbildern zurückgestuft wurden.

Rund um Haus Nummer sechs entstanden bis 1928 zwei neue Zeilen kleiner Klinkerhäuser, die dem ursprünglichen, verwinkelten Straßenverlauf ungefähr folgen. Zwei davon ließ Roselius von Bernhard Hoetger errichten. Der bauende Bildhauer Hoetger hat der Böttcherstraße sein unverkennbares Siegel aufgedrückt. Weit über 500 seiner Werke sind in den Sammlungen zu sehen, vom Silberlöffel bis zur Großplastik. Sein Meisterstück aber ist das 1927 vollendete Paul Modersohn-Becker Haus, das weltweit erste Malerinnen-Museum, wunderbar labyrinthisch mit verschwiegenen Höfen und idyllischen Brunnen und dekorativen Festungstürmchen. Es beherbergt mit 69 Gemälden und Zeichnungen eine der größten Sammlungen von Paula-Modersohn-Becker-Werken, darunter ihr herausforderndes Selbstporträt als Schwangere im Halbakt.

Nachdem Adolf Hitler gegen den »Ungeist der Böttcherstraßenkultur« gewettert hatte, begann Roselius kulturpolitisch zu lavieren. So ließ er vor den Paula-Bildern einen Vorhang anbringen, den zur Seite schieben konnte, wer in den Genuss ihrer verfemten Werke kommen wollte. Ideologisch kooperierte Roselius mit der NS-Ideologie, zugleich widersetzte er sich den Abrissplänen mit dem Argument, die Straße müsse als warnendes Beispiel für den »Verfallsstil der Weimarer Systemzeit« erhalten bleiben.

Was das Gesamtkunstwerk Böttcherstraße so einzigartig, so sehenswert macht, ist ihr Eklektizismus aus gesammelter und gebauter Historie, die Gebrochenheit eines Sammelsuriums aus versteinerter Ideologien- und Kunstgeschichte, aus Handwerksethos und kapitalistischem Kommerz. Der Himmelssaal und die freitragende, avantgardistische Wendeltreppe im Haus Atlantis sind aus Spannbeton und Glasbausteinen errichtet, Expressionistisches ist aus Klinkern gebacken. Nordischer Nebel, protestantische Klarheit und moderne Firmenphilosophie sind hier auf einzigartige Weise verknäult.