ZEITmagazin: Sie sind erfolgreich, genießen hohes Ansehen und Anerkennung. Gab es in Ihrem Leben Momente, in denen Sie am Abgrund standen?

Dieter Wedel:  Ich wurde gerade erst an einen der düstersten Tage meines Lebens erinnert. Vor 55 Jahren, Ende Juni 1957, fiel mein Vater plötzlich neben mir tot um. Ich war 14 Jahre alt. Ich betrat mit ihm und meiner Mutter gerade ein Hotel. Für mich war es das Schlimmste, als man meinen Papa vom Boden der Lobby hochhob und ihn dort auf einen Tisch legte. Von dem Moment an war meine Kindheit und Jugend zu Ende. Ich dachte, mein Papa muss doch jetzt wieder wach werden.

ZEITmagazin: Wie haben Sie dieses Ereignis verkraftet?

Wedel: Es hat Jahre gedauert, damit fertigzuwerden. Ich konnte es nie beschreiben und auch nicht erzählen, wie es geschehen war. Und es kam noch schlimmer. Meine Mutter und ich sind dann nach Hause gefahren, doch als wir ins Haus wollten, stellten wir fest, dass wir gar keinen Schlüssel hatten. Den Schlüssel hatte mein Vater. Wir mussten zurückfahren. Ich habe mich ihm dann alleine genähert und habe ihm den Haustürschlüssel aus der Tasche gezogen.

ZEITmagazin: Hatten Sie ein enges und gutes Verhältnis zu beiden Elternteilen?

Wedel: Ja. Der Tod meines Vaters war wie die Vertreibung aus dem Paradies. Ich musste danach sehr schnell erwachsen werden, weil es plötzlich ökonomische Probleme gab. Wir wurden betrogen und meine Mutter kannte sich mit den Geschäften meines Vaters nicht aus. Erst als eine Fabrik in Offenbach pleite war, bekamen wir überhaupt mit, dass mein Vater auch noch eine Lederwarenfabrik besaß. Es krachte an allen Enden. Doch meine Mutter hat mich immer beruhigt. Dank ihr konnte ich studieren und lernte meinen Professor Knudsen kennen, der mir ungeheuer zugetan war. Ich wurde gleich Leiter der Studentenbühne in Berlin , und später fragte er mich, ob ich ein Theater am Kurfürstendamm leiten wollte. Er hat sich sogar darum gekümmert, dass ich ein möbliertes Zimmer bekam. Ich war völlig unselbstständig, ich wusste nicht mal, wie man wäscht oder kocht. Er war ein Ersatzpapa, und solche Ersatzpapas hatte ich ein paar Mal im Leben.

ZEITmagazin: Sie sprechen von mehreren Ersatzvätern. Wer gehörte noch dazu?

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Wedel: Ja, ich denke da an Dieter Meichsner, einen sehr bekannten Schriftsteller, der beim Fernsehen war. Er interessierte sich für politische Gegenwartsstücke und hat mir damals vorgeschlagen, was fürs Fernsehen zu machen. Ich war gerade 25 und durfte ein Fernsehspiel schreiben. Tage vor seinem Tod hat Meichsner zu mir gesagt: Sie waren ein Glücksfall in meinem Leben, ich bin unheimlich stolz, Sie entdeckt und gefördert zu haben. In Wahrheit war er der Glücksfall für mich!

ZEITmagazin: Gab es noch weitere Menschen, die Sie tatkräftig unterstützt haben?

Wedel: Dieter Stolte , der frühere Intendant des ZDF , hat mir mehrmals aus einer brenzligen Situation geholfen. Ich hatte zu viel gedreht, der Film Der Schattenmann war viel zu lang geworden, und ich saß auf 1,5 Millionen Mark Schulden. Da schlug er vor, anstatt einen Vierteiler einen Fünfteiler daraus zu machen. Heute völlig undenkbar. Später hat mir sein Nachfolger Markus Schächter nach dem Film Die Affäre Semmeling den Rücken gestärkt, als ein Sturm der Entrüstung losbrach und man mir vorwarf, den Politikbetrieb völlig falsch dargestellt zu haben und damit zur Politikverdrossenheit beizutragen. Irgendwann hatte ich die Nase voll und entschied mich nach Worms zu gehen und dort die Nibelungen zu inszenieren. Fernab von Berlin.

ZEITmagazin: Eine neue Herausforderung?

Wedel: Ja, ich wollte mal wieder Theater machen. Ich hatte noch nie ein Stück unter freiem Himmel inszeniert. Die Schauspieler waren toll, aber leider funktionierte nichts, das Licht nicht, der Ton nicht. Das ZDF wollte die Premiere live übertragen. Als zehn Tage vorher immer noch nichts klappte, wollte ich die Regie niederlegen. Da bot mir Markus Schächter Hilfe an. Danach rollten die Lastwagen des ZDF nach Worms. Da habe ich begriffen, was für ein starker Partner so eine öffentlich-rechtliche Anstalt sein kann.

ZEITmagazin: Ihnen waren viele Menschen in Ihrem Leben sehr wohlgesonnen. Können Sie sich erklären, warum?

Wedel: Ich hatte Glück. Ich bin nie abgeglitten, weil immer jemand da war, ein sicherer Hafen. Ich lebe seit 40 Jahren in einer Liebesbeziehung. Immer zu wissen, wohin man gehört, auch das ist eine Rettung. Bei allen Turbulenzen gab es immer jemanden, der für mich da war. Ich hatte eine Menge Retter, Frauen und Männer, das ist mir erst jetzt aufgefallen, wo wir hier reden.