Dies ist die Geschichte einer Lücke, die so klein ist, dass sie 2007 ganz groß rauskam. Weltrekord. So steht’s im Guinness Buch der Rekorde . Eine Lücke zwischen zwei windschiefen Häusern, ein Durchschlupf. Sie befindet sich in der Stadt Reutlingen am Fuße der schwäbischen Alb, ist knapp vier Meter lang und – das Wichtigste – 31 Zentimeter schmal. Kaum mehr als die Höhe eines DIN-A4-Blatts. Das Geheimnis ihres Ruhms: Sie ist öffentlicher Grund und hat einen Namen, Spreuerhofstraße . Es handelt sich um die engste Straße der Welt. Und sie ist in Gefahr.

Eigentlich wäre schon der Name »Gasse« ziemlich übertrieben. Die Lücke ist nur der Flaschenhals der Spreuerhofstraße, ihr schmaler Ausgang. Wer sie nicht gerade sucht, würde sie glatt übersehen. Die düstere Passage wirkt nicht gerade einladend. Früher wurden in solchen Häuserspalten oft Latrinen entleert. Aber jetzt ist sie Weltrekord, und das ändert alles. Da drückt man sich nicht leichtfertig drum herum. Also Bauch einziehen und durch. Dabei muss man sich wie eine Krabbe im Seitwärtsgang an der Hauswand entlangschieben, in Trippelschritten. Und manch einer schaut seit Langem mal wieder selbstkritisch an sich herunter und nimmt Maß.

»Korpulente Personen feiern hier Erfolgserlebnisse – wenn sie durchpassen«, sagt Eugen Wendler . Und dann schiebt er mal eben ein scheinbar rein sachliches, historisches Detail hinterher: »Ganz in der Nähe stand einst der Spreuerhof, der Kornspeicher des Spitals. Da wurde die Spreu vom Weizen getrennt.« Der Mann hat Witz. Das ist sehr vergnüglich, weil man von einem emeritierten Professor für Internationales Marketing und Verfasser einer Reutlinger Stadtgeschichte eher ernste Vorträge erwartet. Noch dazu, wenn er sich mit einem beigefarbenen Pullover, grauem Blouson und grauer Hose tarnt. Eugen Wendler führt jetzt, im Ruhestand, Besucher durch die Stadt; und zwei Themen liegen ihm besonders am Herzen: Reutlingens großer Sohn, der Eisenbahnpionier Friedrich List – und die kleine Spreuerhofstraße.

Schon Wendlers Vorgänger hatten die »vermutlich kleinste Gasse Baden-Württembergs« großgeredet. »Die Stadtführer sind schuld«, sagt Tanja Ulmer, was so aber nicht ganz stimmt. Denn sie selbst, die Chefin der Stadtmarketing-Gesellschaft, wollte es irgendwann genau wissen. Sie suchte nach einem Amt, bei dem längste, breiteste und kleinste Straßen dokumentiert sind, »weil es in Deutschland doch für alles ein Amt gibt«, fand aber keines und fragte schließlich bei Guinness World Records an. Und zack war ein Sträßchen auf der kroatischen Insel Krk, der bisherige Weltrekordhalter, auf Platz zwei abgerutscht – und die Spreuerhofstraße zertifiziert .

Jetzt hat Reutlingen eine Kuriosität und ein Problem zugleich. Kommen wir zuerst zur schönen Seite. Die Spreuerhofstraße ist inzwischen eine Touristenattraktion, und das kann die Stadt gut gebrauchen – steht sie doch meist im Schatten des 15 Kilometer entfernten Tübingen, wo seit je der Schöngeist wohnt und sich das Altstadtensemble wie auf dem Silbertablett präsentiert. Reutlingen spielt jetzt in der internationalen Liga: »Narrowest street of the world, Width: 1 ft« kann man auf dem unscheinbaren Schild am Eingang der Gasse lesen – wenn es nicht gerade mal wieder geklaut ist. Sogar die britische Tageszeitung The Guardian hat jüngst über die Spreuerhofstraße berichtet . »Auch der chinesische Staatspräsident Hu Jintao zwängte sich bei einem Deutschlandbesuch schon hindurch«, erzählt Wendler: »Der konnte sicher keine Kirchen mehr sehen und war froh über die Abwechslung.« Mit seiner Lücke ist Reutlingen zum Botschafter geworden, bereichert das Deutschlandbild aus Sauerkraut, Oktoberfest, Berlin und Autobahn um eine winzige Nuance.

Doch an der Lücke ist was faul: das Gebälk von Haus Nummer 9. Fast 300 Jahre hat der Bau auf dem Buckel und sieht aus wie ein Hexenhäuschen, von dem aller Lebkuchenglanz abgefallen ist. Die unverputzte Steinfüllung bröckelt, die Balken sind von der Feuchtigkeit morsch. Bedenklich neigt sich das Fachwerkhaus, und die Dachrinne geht schon auf Kuschelkurs mit den Nachbarn. »Den nächsten Winter wird das Gebäude so nicht überleben«, sagt Tanja Ulmer. »Da muss vorher was geschehen.«

Der Besitzer will das Haus nicht renovieren lassen, wäre aber bereit zu verkaufen. Jetzt wird händeringend nach einem Liebhaber und Investor gesucht. »Man muss das Haus mit Leben füllen«, sagt Eugen Wendler, und wieder ist unklar, ob er ernst ist oder scherzt: »Wenn ich das Geld hätte, würde ich ein List-Museum darin einrichten. Aber dafür interessiert sich ja eh keiner.« Die Stadt rechnet fieberhaft, ob sie für die Sanierung schlimmstenfalls selbst in Vorleistung gehen könnte. Denn müsste man die Gasse sperren oder das Haus mit dem Abrissbagger sanieren, wäre das Weltrekördle dahin. Und wie stünde Reutlingen dann da? »Das gäbe einen Bürgeraufstand«, vermutet Ulmer.

Dabei hatten sich die Reutlinger früher einen Teufel um die Gasse geschert. »Erst wenn jemand von außen kommt und »Boah« sagt, wird hier etwas ernst genommen«, erklärt Tanja Ulmer die schwäbische Mentalität. »Daher ist die Spreuerhofstraße ein typisch schwäbischer Weltrekord.«