John Waynes schlechtester Film heißt The Conqueror, seine Rolle als Eroberer Dschingis Khan hatte für die Western-Ikone allerdings noch fatalere Folgen als verhaltene Kritiken. Der Kolossalschinken mit Tausenden berittener Komparsen wurde im Snow Canyon im Bundesstaat Utah gedreht, und Windmaschinen und Pferdehufe wirbelten radioaktive Staubwolken aus vorangegangenen Atomtests auf. War es Zufall, dass John Wayne an Lungenkrebs starb? Und auch seine Partnerin Susan Hayward? Dass neben den Hauptdarstellern deren Kinder und weitere 91 der 220 Crewmitglieder Krebs bekamen?

Mit Gewissheit könne niemand die Antwort auf diese Fragen geben, schreibt Rudolph Herzog in seinem Buch Der verstrahlte Westernheld. John Wayne, Susan Hayward und viele der Crewkollegen seien eben auch "zeitlebens schwere Raucher" gewesen. Ähnlich lakonisch errichtet der Münchner Autor ein Panoptikum von Kollateralschäden aus dem Atomzeitalter. Da verschwindet ein Brennstab unauffindbar im Kongo, angeblich weil der zuständige Nuklearphysiker einem Fremden den falschen Schlüsselbund geliehen hat. Da stürzt ein Atomreaktor aus dem Weltall herab, oops!, zum Glück über einem Waldgebiet in Kanada. Und dann: "Morgenlicht", oder "Kätzchen", "Wichtel" oder "grüne Wüstenspringmaus": Man muss sich nur die süßen Namen all der Nukleartests, Menschenversuche und Bergungsoperationen von Alaska über die Sahara bis Kamtschatka auf der Zunge zergehen lassen, die in der Summe wohl Tausende von Strahlenopfern zur Folge hatten – schon zerfällt der Kern jedes Glaubens an die Rationalität des Menschen.

Freigesetzt wird bei Rudolph Herzog auch die Erkenntnis, mit welcher "Mischung aus Naivität und Skrupellosigkeit" die Wissenschaftler und Politiker seit den vierziger Jahren mit der neuen Technologie spielten. Dabei seien sie "wahl- und wechselweise am zukünftigen Wohl oder am Untergang der Menschheit interessiert" gewesen. Das Ganze erinnert ein wenig an den Film Atomic Café, eine sarkastische Collage staatlicher Atompropaganda aus dem Jahr 1982.

Auch Rudolph Herzog ist Regisseur, erstmals fiel er 2006 mit einer Dokumentation über den Humor im Nazireich auf (Heil Hitler, das Schwein ist tot!). Der Autor, 1973 geboren, hat die Ängste des Kalten Krieges noch mitbekommen; jener Zeit, in der "Mr. Tagesschau" Karl-Heinz Köpcke allabendlich mit aufsteigenden Grafiksäulen den aktuellen Stand des Wettrüstens durchgab. Als er zwölf Jahre alt war, schreibt Herzog, habe ihm sein Onkel im Kühlschrank Barbiturate gezeigt, mit den Worten: "Ich schlucke sie, wenn es knallt." Drei Jahrzehnte später setzt der Neffe Informationen über die großen atomaren Menschheitsschocks Hiroshima , Three Mile Island , Tschernobyl und Fukushima bei seinen Lesern voraus und zieht aus dem Sündenregister der strahlenden Ära die weniger bekannten Dokumente.

Diese Forschung am Rande der Geschichte weckt neues Interesse an einem Thema, das gerade im atomkritischen Deutschland schon fast "durch" zu sein scheint. Sie zeigt die Alltäglichkeit des Irrsinns, zudem fragt man sich sorgenvoll, was wohl sonst noch in den Archiven liegen mag, wenn diese Geschichten, wie Herzog behauptet, "exemplarisch" sind.

Er hat minutiös recherchiert und erzählt spannend, die Lektüre ist so informativ wie gruselig unterhaltsam. Zum Beispiel die Pläne des "Vaters der Wasserstoffbombe", der sogar die vernichtende Sprengkraft der Atomenergie "friedlichen Zwecken" zuführen wollte: Edward Tellers Operation "Plowshare" sah vor, Berge und andere Hindernisse beim Straßenbau atomar aus dem Weg zu räumen, einen zweiten Panamakanal frei zu bomben und ein gigantisches künstliches Hafenbecken in einem Naturschutzgebiet in Alaska auszuheben. Dieses Vorhaben war nach Rudolph Herzogs Auffassung einem "irregeleiteten Rechtfertigungseifer" entsprungen, den die Folgen der Hiroshima-Bombe bei Teller und anderen Dr. Seltsams ausgelöst hatten.