Hitler will Frieden – Seite 1

Er gehört zu den großen Journalisten des 20. Jahrhunderts, und er hat mit seinen Büchern wortwörtlich Geschichte geschrieben: der Amerikaner William L. Shirer. In den USA genießt er vor allem aufgrund seines 1960 erschienenen und sofort auch ins Deutsche übersetzten, millionenfach verkauften Geschichtswerks Aufstieg und Fall des Dritten Reichs nach wie vor einen legendären Ruf.

Berühmt machte ihn jedoch bereits 1941 sein Berliner Tagebuch 1934-1941. Es wurde in den USA sofort zum Bestseller und prägte das Bild NS-Deutschlands in der amerikanischen Öffentlichkeit, ja wirkt als historische Quelle bis heute fort. Bizarrerweise erschien es erst 1991, zwei Jahre vor dem Tod des Autors, in deutscher Übersetzung, wurde aber auch im deutschsprachigen Raum sofort ein viel beachteter Erfolg.

Umso mehr muss es überraschen, dass Shirer das berühmte Journal für die Publikation offenbar so sehr bearbeitet hat, dass die Authentizität des Berlin Diary in vielen Passagen als zweifelhaft erscheint. Dies verblüfft nicht zuletzt deshalb, da der Autor sich nicht nur als Journalist, sondern immer auch als Historiker verstand.

1904 in Chicago geboren und in Iowa aufgewachsen, wurde Shirer gleich nach dem College Reporter. 1925 reiste er mit einem Viehtransport über den Atlantik und arbeitete in Paris für die Chicago Tribune. Zeitweilig berichtete er aus dem Mittleren Osten, wo er sich mit Mahatma Gandhi anfreundete. Seit 1934 lebte er mit seiner österreichischen Frau in Berlin. CBS-Europa-Chef Edward Murrow engagierte ihn 1937 für den Sender.

Seit März 1938 war William Shirer von ganz Europa aus auf Sendung. Vor und während der frühen Kriegsjahre gelangen ihm etliche Scoops: So sendete er den ersten unzensierten Augenzeugenbericht über den Anschluss Österreichs und meldete im Juni 1940 nach dem Frankreichfeldzug die Bedingungen des Waffenstillstands von Compiègne noch vor Bekanntgabe durch die Deutschen in die USA. Außerdem war er an der ersten Sendung des CBS World News Roundup beteiligt: Am 13.März 1938 sprachen erstmals fünf europäische CBS-Korrespondenten, darunter Shirer aus London, in einer Liveübertragung mit New York. Damit etablierten die Murrow’s Boys diese bis heute von CBS ausgestrahlte Sendung, inzwischen die älteste der USA.

Unter dem zunehmenden Druck der deutschen Zensur kehrte Shirer im Dezember 1940 in die USA zurück; ein halbes Jahr später erschien sein Berlin Diary. Es blieb nicht das letzte Buch über seinen Aufenthalt in Deutschland: Noch vor seinem großen Geschichtswerk von 1960 veröffentlichte er den Roman The Traitor (Der Verräter). Protagonist ist ein amerikanischer Korrespondent im Berlin der NS-Zeit. Von 1976 an folgten seine Memoiren in drei Bänden. Der zweite Band (Das Jahrzehnt des Unheils 1930–1940) beschäftigt sich ausführlich mit den Jahren in Deutschland. Nach seinem Tod 1993 in Boston – noch 1994 erschien posthum eine Doppelbiografie des Ehepaars Tolstoi – kam Shirers Nachlass in sein ehemaliges College in Cedar Rapids, Iowa. Dort lagern 48 Regalmeter Dokumente: Shirers Korrespondenz, Manuskripte, Fotografien – und die Originaltagebücher aus Berlin.

Bisher galt ihre publizierte Fassung, das Berliner Tagebuch, als völlig authentisch: eines der großen Dokumente aus dem "Dritten Reich". Schon auf dem Umschlagtext der Erstausgabe von 1941 wurde das Buch als "unzensierter Bericht" gepriesen, der wiedergebe, was der Autor sah: "Es ist eine einfache Aufzeichnung der Ereignisse, wie sie sich Tag für Tag vor seinen Augen abspielten."

Vergleicht man indes das Typoskript mit dem Text des Buches, merkt man rasch, wie intensiv der Autor "redigiert" hat. So handelt ein besonders aufschlussreicher Eintrag am 22. Mai 1935 von einer Rede Hitlers, die Shirer den Abend zuvor in der Berliner Krolloper gehört hatte. Obwohl der Autor ausdrücklich zu erkennen gibt, dass er keine Sympathien für die Nationalsozialisten und ihre Ziele hege, beschreibt er Hitlers rhetorische Leistung geradezu begeistert: "Es war mit Abstand die beste Rede, die ich von ihm jemals gehört habe. Ich bin allmählich von ihm beeindruckt."

Vor allem schenkt der Amerikaner den Friedensbeteuerungen und -versprechen des "Führers" unumwunden Glauben. "Er hat einen Beitrag geleistet, der Europa vor dem drohenden Krieg retten könnte", notiert Shirer. "Allmählich bin ich davon überzeugt, dass die anderen nicht zu einer Verständigung mit Deutschland geneigt sind – außer zum Preis seiner Unterwerfung."

Sucht man die Passage im Buch, findet man eine sehr andere Fassung. Sie enthält eine Aufzählung einzelner Punkte der Hitler-Rede, von denen Shirers Landsleute einige bereits als dreiste Lügen identifizieren können. Denn das Berlin Diary erschien zwar vor der Kriegserklärung Deutschlands an die USA, aber im Sommer 1941 musste jedem US-Bürger klar sein, dass Hitler kein Friedensstifter war.

Das Tagebuch ist auch ein politisches Manifest

Von Shirers unverhohlener Begeisterung und Affirmation bleibt im Buch nicht mehr viel. Hier wechselt Shirer zu skeptischer Professionalität. Plötzlich bekommt die Friedensrede Anführungszeichen, und plötzlich zeigt der Autor "Furcht": "Hitler hielt heute Abend im Reichstag eine grandiose ›Friedensrede‹, und ich fürchte, sie wird die öffentliche Meinung und insbesondere die britische mehr beeinflussen, als sie sollte."

Shirers Bewunderung für Hitlers zweifelhafte rhetorische Künste findet sich nur noch in zwei Halbsätzen wieder, und am Ende zeigt er sich sogar irritiert, dass einige englische und französische Korrespondenten-Kollegen tatsächlich auf die Lügen des Diktators reingefallen seien. Die nachträglichen Texteingriffe gehen bis ins Detail: Im Originaltagebuch beschreibt Shirer Hitler als heiser, was sein typisches Schreien verhindert und seiner Rede eine ausdrucksstarke Tiefe verliehen habe. Im Buch dagegen heißt es: "Hitler schrie."

Bezeichnenderweise kommt Shirer 1984 in seinen Memoiren noch einmal auf diese Episode zu sprechen. Er erwähnt das unveröffentlichte Material von 1935, ohne auf die Unterschiede und seine Eingriffe einzugehen. Seine Fehleinschätzung, die 1941 seine Integrität und Kompetenz beschädigt hätte, deutet er nun, aus der historischen Distanz, paradoxerweise als Ausweis eines unerfahrenen, fehlbaren, aber authentischen Zeitzeugen: "Meine Naivität über Hitlers Pläne war – selbst nach neun Monaten im Dritten Reich – größer, als mir klar war."

Ähnlich wie im Fall der Friedensrede gibt es im Berliner Tagebuch weitere Bearbeitungen. So wird noch manch andere Fehleinschätzung gestrichen, einiges aus späterer Kenntnis ergänzt oder anekdotisch ausgefüllt. Manchmal verschiebt sich die ganze Darstellung hin zu einem neuen Hauptthema; es wird umdatiert und stilistisch retuschiert. Völlig "unzensiert" jedenfalls, wie versprochen, ist es nicht.

So spricht Shirer am 9. August 1939 mit einem deutschen Kriegsveteranen über Deutschlands Anspruch auf Danzig und darüber, ob man Hitlers Versprechungen trauen könne. Der kurze, aber hitzige Dialog im Typoskript scheint mit der Buchfassung beinahe identisch, bis man einen kleinen, aber markanten Eingriff bemerkt. Shirer fügt zweimal dieselbe missbilligende Beobachtung über seinen Gesprächspartner ein: "Diesen leeren Blick, den man von den Deutschen bekommt." So stilisiert er die Begebenheit zu einem generellen Beispiel für die durch die NS-Propaganda erblindeten Deutschen.

Kurze Zeit später, am 13. August, spricht Shirer in Gdingen mit zwei polnischen Rundfunktechnikern über die Krise, die bald zum Krieg werden sollte. Im Typoskript: "Wir sind bereit. Jeder von uns hat seine Aufgabe. Wir werden sie erfüllen." Im Buch: "Wir sind bereit. Wir werden kämpfen. Wir wurden unter deutscher Herrschaft geboren, und wir wären lieber tot, als das noch einmal zu erleben." Wieder wird in der Buchfassung aus dem unbeteiligten Reporter von 1939 der subtile Propagandist von 1941, der seinen Landsleuten die Entschlossenheit vor Augen führen möchte, mit der das freiheitsliebende Europa Hitler Widerstand leistet.

Beispiele dieser Art belegen, dass Shirers Berliner Tagebuch nicht nur als Augenzeugenbericht zu lesen ist, sondern eben auch als politisches Manifest gegen den amerikanischen Isolationismus, Shirer will nicht nur Zeugnis ablegen, sondern aufrütteln. Insofern hat auch das Buch seinen historischen Wert als Quelle, zeigt es doch einen großen Autor und Journalisten zwischen dem Wunsch nach Authentizität und der Notwendigkeit zur Selbstzensur. Als unmittelbares Dokument taugt es allerdings nicht. Es wäre schön, könnte man endlich einmal die unbearbeitete Fassung im Druck lesen. William Shirers Ruhm wird es überstehen.