Im Jahre 1908 erhielt der Philosoph Rudolf Eucken den Nobelpreis für Literatur, 1910 der Romancier Paul Heyse, 1912 der Dramatiker Gerhart Hauptmann. Doch keiner von ihnen, noch einer der anderen bekannten deutschen Dichter und Gelehrten jener Tage schrieb gegen die Gefahr des drohenden Weltkrieges an. Zwar gab es um die Jahrhundertwende einiges an allgemein pazifistischen Schriften, wie Bertha von Suttners bekannten Roman Die Waffen nieder! von 1889 oder die Schrift Die Vergangenheit des Krieges und die Zukunft des Friedens, die der französische Mediziner Charles Richet 1907 veröffentlichte. Doch für die Exponenten der hohen Literatur schien der moderne Krieg kein Thema zu sein. Und so war es am Ende ein Volksschullehrer, Wilhelm Lamszus aus Hamburg, der die große Warnung aussprach. Sein Roman, seine Prophezeiung Das Menschenschlachthaus – Bilder vom kommenden Krieg, die im Sommer 1912 erschien, löste einen Skandal aus.

Dabei hatte Lamszus das schmale Werk, das noch heute durch seine Sprachkraft und visionäre Beschreibung des Weltkriegsgrauens verblüfft, eigentlich »nur« als Jugendbuch geschrieben. 1881 im damals noch eigenständigen Altona als Kind eines Schusters geboren und aufgewachsen, war er früh schon ein leidenschaftlicher Pädagoge. 1902 trat er in den Hamburger Schuldienst ein und schlug sich auf die Seite der Reformer, die gegen ein Bildungssystem aufbegehrten, das sie als völlig verrostet und inhuman empfanden. Er verfasste erste pädagogische Streitschriften, deren polemische Kraft und Emphase sie über ähnliche Literatur der Zeit weit hinaushoben.

Die Idee zum Menschenschlachthaus kam Lamszus just bei einer Reserveübung. »Welch Wunder der Technik hatten die Menschen erfunden und konstruiert!«, schrieb er später über die Genese seines berühmten Buches. »Das Kriegsmaschinenwesen hatte sich zu genialer, zu künstlerischer Höhe entwickelt. Man ließ ein Maschinengewehr schnurren, und schon spritzte es Kugeln, dichter, als der Regen fällt! Als hätte der Tod die Sense aufs alte Eisen geworfen und wäre Maschinist geworden!«

Das Menschenschlachthaus erzählt das Schicksal eines jungen Familienvaters, der begeistert ins Feld zieht – natürlich gegen den Erbfeind Frankreich. Mit Marschmusik werden er und seine Kameraden verabschiedet. Vor dem Transport an die Front erleben sie noch in der Kirche die Waffenweihe im Namen Gottes des Barmherzigen: »Er segnet unsere Gewehre, daß sich ihre teuren Kugeln bezahlen mögen, daß keine verloren in die Lüfte weht, daß jede kostbare Kartusche hundert Menschen fassen möge und hundert Menschen auf einmal in Stücke reiße.«

An der Front sieht sich der – von Lamszus namenlos belassene – Protagonist nach langen Märschen durch »Blut und Eisen« erstmals mit dem Tod konfrontiert: »Eine kalte Faust griff uns ans erschrockene Herz.«

Doch so düster-poetisch bleibt es nicht. Der moderne Krieg kennt keine Lyrik mehr. Er kennt nur Vernichtung. »Wir lugen furchtsam über die Erdwälle hinaus. Hat sich die rote Hölle aufgetan? Das schreit und gellt, das brüllt so unnatürlich wild und schrankenlos, daß wir uns enger aneinander schmiegen ... und zitternd sehen wir, wie unsere Gesichter, unsere Uniformen rote nasse Flecken haben, und erkennen deutlich Fleischfasern auf dem Zeug.« Der Soldat entdeckt »etwas Weißes« auf dem dunklen Sand: »eine fremde abgerissene Hand ... und da ... und da ... Stücke Fleisch, daran die Uniform noch haftet – da wissen wir es, und Grauen fällt uns an: Da draußen liegen Arme, Beine, Köpfe, Rümpfe ... die heulen in die Nacht hinaus, das ganze Regiment liegt dort zerfetzt am Boden, ein Menschenklumpen, der zum Himmel schreit...« Am Ende kommt auch der Protagonist um und wird im Massengrab verscharrt.

Es ist eine Sprache, die in ihrer Eindringlichkeit schon auf die großen Erlebnisbücher des Ersten Weltkriegs vorausweist, auf Henri Barbusse’ Feuer, auf Arnold Zweigs Streit um den Sergeanten Grischa oder Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues, auf Gabriel Chevalliers Heldenangst. Über allem aber steht in Lamszus’ Roman noch die Hoffnung, die große Katastrophe lasse sich abwenden, der Krieg verhindern.

"Eines der heiligen Bücher der Menschheit"

Der Erfolg des Buches bestätigt den Autor zunächst in seiner Hoffnung. Das Menschenschlachthaus, erschienen im Alfred Janßen Verlag, Hamburg und Berlin, findet enormen Widerhall. In wenigen Monaten erreicht der 110-Seiten-Roman 70 Auflagen, nach drei Monaten sind 100.000 Exemplare verkauft, gleich 1913 gibt es eine verbilligte »Volksausgabe« in 20.000 Exemplaren. Im selben Jahr 1913 noch liegt er in englischer Übersetzung vor, Auflage: 10.0000. Er erscheint auf Französisch, Dänisch, Tschechisch, Finnisch und Japanisch. Und es spricht für seine Bedeutung, dass zu der französischen Übersetzung Henri Barbusse und zur dänischen Martin Andersen Nexø das Vorwort schreiben; zu einer späteren deutschen Ausgabe steuert Carl von Ossietzky eine Einleitung bei.

Auch in der deutschen Sozialdemokratie ist der Zuspruch groß. Schon kurz nach Erscheinen druckt das Parteiblatt Hamburger Echo in seinem Feuilleton Auszüge aus dem Buch nach, und die in Stuttgart erscheinende sozialdemokratische Wochenzeitung Die Neue Zeit lobt in einer ausführlichen Rezension emphatisch, dass Lamszus in seinem Werk »mit einem Griff von notwendiger Brutalität von dem Krieg alle die bunten Fetzen herabreißt, mit denen der Chauvinismus ihn zu behängen und zu verhüllen liebt«.

Natürlich werden Buch und Autor auf dem 5. Deutschen Friedenskongress in Berlin ebenso gefeiert wie auf dem 19. Internationalen Friedenskongress in Genf. »Es ist berufen«, fordert der lebensreformerisch bewegte Publizist Bruno Wille, »wie ein Flugblatt in hunderttausend Exemplaren über die Lande verbreitet zu werden.« Und Alfred Hermann Fried, der Begründer der Deutschen Friedensgesellschaft und Friedensnobelpreisträger des Jahres 1911, schreibt: »Ich wollte, dieses Buch könnte in Millionen Hände kommen. Es wird eines der heiligen Bücher der Menschheit werden.«

Doch dem Triumph folgen die Repressionen. »Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit, der Kronprinz des Deutschen Reiches« wendet sich direkt an den Hamburger Senat mit der Forderung, Lamszus aus dem Schuldienst zu entlassen; in Hamburg wird sogar der Verkauf des Buches kurzzeitig verboten. Sofort setzt die politische Polizei Spitzel auf ihn an, noch heute liegen im Hamburger Archiv ihre Berichte. So verkleiden sie sich im Juni 1914, um verdeckt an der Beerdigung von Lamszus’ Vater teilzunehmen. Natürlich werden sämtliche Kritiken und Zeitungsberichte über das Menschenschlachthaus akribisch abgeheftet. Trotzdem gelingt es nicht, Lamszus als Staatsfeind zu überführen; selbst die Entfernung aus dem Schuldienst gestaltet sich schwierig.

Derweil tobt die reaktionäre Presse. Wilhelm Lamszus wird als »schlechter Deutscher« denunziert, als »nervenschwacher Feigling«, als »anarchosyndikalistischer Revolutionär« und als »vaterlandsloser Geselle« sowieso. Aus Sorge vor Unruhen und Protestkundgebungen lässt man es sich in Hamburg schließlich etwas kosten, ihn loszuwerden: Lamszus erhält den höchst »ehrenvollen Auftrag«, nach Nordafrika zu reisen. Dort soll er die Lage der Deutschen in der französischen Fremdenlegion studieren. Dem äußeren Anschein nach seiner antimilitaristischen Haltung durchaus entgegenkommend, hätte der Senat ihn somit diskret aus dem Schuldienst entfernt und aus Deutschland abgeschoben.

Lamszus nimmt an und reist. Das Ergebnis seiner Recherche ist ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel Der verlorene Sohn, das 1914 erscheint. Lamszus nutzt darin die Kritik an der Fremdenlegion für eine scharfe Abrechnung mit einem System, dessen exzessiver Auswuchs sie ist: das System des militaristischen Imperialismus.

Paradox genug – als die Nachricht von der Mobilmachung kommt, im August 1914, trifft sie Lamszus aus heiterem Himmel: »Weil ich mir der unsagbaren Schrecken dieses Krieges im voraus bewußt geworden war, hatte ich im Grunde nicht glauben wollen, daß es je so weit kommen würde.« Zu diesem Zeitpunkt hat er die Fortsetzung des Menschenschlachthauses mit dem Titel Das Irrenhaus bereits druckfertig. Sie darf jedoch erst nach Kriegsende erscheinen. Auch dieses Buch findet – nun durch die persönlichen Kriegserlebnisse vieler Menschen bestätigt – großen Widerhall. In seinem Vorwort rechtfertigt Carl von Ossietzky die Notwendigkeit, die Kriegswirklichkeit so darzustellen, wie sie ist, da sie nun einmal entsetzliches Leid bringe und weil eine Zeit für freundliche Bilder nicht herangereift sei. Denn noch »ist der alte Erzfeind aller Kultur und allen Menschenglücks nicht erledigt. Vollgesoffen mit rotem Menschenblut zog sich der Drache in die Höhle zurück. Auf wie lange?«

Das fragt sich auch Lamszus und schreibt weiter gegen den Krieg an. Sein Gedichtband Der Leichenhügel von 1921 und die Schrift Fluch den Waffen, zu deren Herausgebern er zählt, verraten bereits im Titel sein konsequentes Engagement. Zwar gibt es jetzt eine internationale »Nie wieder Krieg«-Bewegung, die in England, Holland, Deutschland und den skandinavischen Staaten Hunderttausende mobilisieren kann. Doch wie stark ist der Pazifismus wirklich? Im Reich gehören etwa 70.000 Menschen pazifistischen Organisationen an. Das sind viele im Vergleich zu den 10.000 Mitgliedern vor 1914, aber verschwindend wenige gegenüber den Millionen, die in nationalistischen Verbänden (wie dem Stahlhelm) organisiert sind. Vielleicht gab es 500 Bücher, die wie Remarques Welterfolg den Krieg in seinem ganzen grauenhaften Wahn schildern, aber viele Tausend, die ihn mehr oder weniger heroisch verklären, Romane à la Werner Beumelburg und Ernst Jünger.

Längst wird in Berlin für die große Revanche geplant. In Geheimstudien rechnen die Militärs schon mit neuen gigantischen Flotten und Panzerheeren. Zugleich ziehen wieder Kriegstrommler durchs Land, von denen einer Hitler heißt. »Es ist ein Schauspiel für Götter«, bemerkt Lamszus bereits 1922, »zu sehen, wie ein Volk, das mehr als vier Jahre lang bis über die Ohren durch den Blutsumpf gezerrt, das von Katastrophe zu Katastrophe geführt wurde, bis es im Abgrund zerschellte, heute drauf und dran ist, diese selben Führer, die es so herrlich bis hierher gebracht, wieder an seine Spitze zu stellen. Alle miteinander sind sie wieder da, die Rufer im Streit, die vorübergehend in der Versenkung verschwanden. Sie, die schon einmal das Schlachthaus ihrem Volke aufgetan, sie werden das Volk erretten! Vertraut euch ihnen nur an! Der Weg, den sie euch weisen, seid ohne Sorge, führt, woher ihr kamt, ins Menschenschlachthaus, das heute wie ehedem auf euch wartet!«

1924 veröffentlicht er das Buch Der Genius am Galgen – ein flammendes, expressionistisch getöntes Plädoyer gegen die Todesstrafe. Daneben bleibt er Lehrer aus Leidenschaft. An einer Versuchsschule im Hamburger Arbeiterviertel Barmbek experimentiert er mit neuen Unterrichtsformen und entwickelt seine Friedenspädagogik weiter.

1933 bekommt er Berufs- und Schreibverbot

Zum zehnten Jahrestag der schrecklichen Ereignisse von Ypern, wo die kaiserlichen Truppen erstmals chemische Kampfmittel eingesetzt haben, schreibt er das Theaterstück Giftgas. Im Konzerthaus Conventgarten an Hamburgs Kaiser-Wilhelm-Straße wird es 1925 aufgeführt. Im Mittelpunkt steht der Erfinder einer Giftmaschine, die sein Vaterland zum Eroberer der ganzen Erde machen soll. Das Stück wird ein beachtlicher Erfolg – und zeigt wiederum geradezu prophetische Qualitäten. Denn drei Jahre später explodiert auf dem Gelände der Firma Stoltzenberg im Hamburger Hafen ein Tank mit Phosgengas. Zwölf Menschen sterben, über zweihundert werden verletzt.

Zugleich macht das Unglück publik, dass man in Deutschland völkerrechtswidrig Kampfgas herstellt. Lamszus verfasst gleich ein neues Vorwort für die 72. Auflage seines Menschenschlachthauses: »Das Abrüstungstheater, das man den Völkern vorgespielt, besteht darin, veralteten Methoden abzuschwören und untauglich gewordenes Kriegszeug im Geschichtsmuseum abzustellen. Im Hintergrunde der Friedenskongresse und des Völkerbundes vollzieht sich in allen Ländern die Organisation des neuen Krieges, und es wachsen Luftflotten und Berge von Gas- und Brandgranaten...«

Der Frieden ist brüchig, wird immer brüchiger. Auch für Lamszus läuft die Zeit ab. Eine letzte Antikriegsschrift zum Giftgas kann Anfang der dreißiger Jahre schon nicht mehr erscheinen. Vergeblich bemüht sich Lamszus um einen Verleger. Unmittelbar vor Hitlers Machtübernahme schickt er ein Duplikat des Manuskripts an Ossietzky mit dem Vorschlag, das eine oder andere Kapitel in der Weltbühne zu veröffentlichen. Seine Bitte kommt zu spät: Am 28.Februar 1933 wird Ossietzky verhaftet und ins KZ verschleppt. Lamszus mauert daraufhin das Manuskript und andere Unterlagen, Zeitdokumente samt brisanter Bücher in seinem Wohnhaus im Hamburger Stadtteil Klein Borstel ein, um seine Familie nicht zu gefährden. (Erst 2005 wurde dieses Versteck bei Umbauarbeiten durch Zufall entdeckt und der Giftgas-Text durch den Autor dieses Beitrages im Sax-Verlag publiziert.)

Lamszus hegt nun keine Illusionen mehr. Auch nicht in Hinsicht auf die mehr als zweihundert Versuchsschulen in Deutschland. Bereits 1924 hat er mit Blick auf den italienischen Faschismus gemutmaßt: »Wir wissen, daß unser Schicksal von den historischen Gewalten entschieden wird. Wenn morgen ein Mussolini an das Staatsruder gelangt, wird als erstes unsere neue Schule ihr Leben aushauchen. Er wird unter dem Vorwand der Wiederherstellung der nationalen Erziehung unsere Schule der Reaktion ausliefern.«

Gleich 1933 wird der Autor aus dem Schuldienst entlassen. Zum Berufsverbot kommen Schreib- und Aufführungsverbot. Zunächst kann Lamszus, Vater von drei kleinen Kindern, seine finanzielle Situation noch durch die klandestine Mitarbeit am Feuilletonteil des Hamburger Anzeigers aufbessern. Dass sich unter den Namen Paul Willis oder Lucia Kahl, dem Mädchennamen seiner Frau, Veröffentlichungen von Lamszus finden, darf nicht einmal der »Hauptschriftleiter« wissen. Eine Gruppe von nonkonformistischen Journalisten, die sich noch bis Mitte der dreißiger Jahre im Feuilleton halten, deckt den Verfemten.

Obwohl es naheliegt, emigriert Lamszus nicht. Mit Mühe schlägt er sich durch. Nach der Befreiung engagiert er sich gleich wieder in der Deutschen Friedensgesellschaft; als erster deutscher Autor versucht er sich 1946 in seinem Prosatext Der Forscher und der Tod der Erfahrung des Atomkriegs zu nähern. 1960 verleiht ihm die Humboldt-Universität in Ost-Berlin die Ehrendoktorwürde der Pädagogischen Fakultät.

Wenige Jahre später, am 18. Januar 1965, stirbt Wilhelm Lamszus in Hamburg. »Heute, am Abend meines Lebens«, schreibt der 81-Jährige 1962, »bin ich gewiß, daß der dritte Weltkrieg nicht stattfinden wird. Millionen Menschen in allen Ländern haben begriffen, daß man der drohenden Gefahr mutig begegnen muß. Die Tag für Tag gewaltig anwachsende Heerschar der Friedenskämpfer kann es verhindern, daß ein neuer Weltbrand entfacht wird und daß unsere Erde sich abermals in ein Schlachthaus verwandelt, aus dem es diesmal für keinen ein Entrinnen mehr geben würde.«

Er behielt recht. Der Kalte Krieg eskalierte nicht, die Apokalypse blieb aus. Und doch ist das 20. Jahrhundert vergangen, ohne dass die Gefahren des Krieges endgültig gebannt werden konnten. Lamszus’ Werk bleibt als Mahnung. Als Warnung.