DIE ZEIT: Herr Stein, Sie haben gerade einen Bestseller über das Internet veröffentlicht, darin erfüllen die Menschen sich die alte Sehnsucht nach ewigem Glück. Das Netz der Zukunft liest ihre Gedanken und erfüllt ihnen jeden Wunsch. Gar nicht übel. Regen Sie sich selber auch mal über das Netz auf?

Benjamin Stein: Aber klar. Letzte Woche habe ich mich wahnsinnig über einen Hackerangriff auf meinen Server geärgert, das waren Islamisten aus Malaysia.

ZEIT: Was wollten die auf der Seite eines jüdischen Schriftstellers?

Stein: Die suchten sich eine Sicherheitslücke auf dem Server, fanden auch eine, und plötzlich standen dann da islamistische Hass-Seiten statt der Originalinhalte. Die Künstler, denen ich auf meinen Seiten eine Plattform biete, fanden das nicht gerade toll.

ZEIT: Das Internet als Wilder Westen...

Stein: Mir passiert das schon zum vierten Mal. Es gibt immer Sicherheitslücken, und man muss als Nutzer auf der Hut sein. Jeder Internetanschluss ist ein Einfallstor für Hacker. Den meisten Leuten ist das aber nicht bewusst.

ZEIT: Neuerdings versuchen mächtige Konzerne wie Apple und Facebook uns zu schützen, indem sie einen Teil unserer Aktivitäten im Internet stärker abriegeln.

Stein: Ich glaube schon, dass wir alle den Wunsch haben, vor den Finsterlingen des Netzes beschützt zu werden. Aber darin liegt auch eine große Gefahr. Wir können und dürfen nicht jede Art von Verantwortung abgeben.

ZEIT: Ihr Roman zeichnet ja eigentlich auch kein positives Bild von der Zukunft; er ist eine negative Utopie über eine Konsumentengesellschaft, die sich willig den neuesten Erfindungen der Netzkonzerne ausliefert. Man unterwirft sich darin gern dem Diktat der Technik und lässt sich kontrollieren. Halten Sie auch Facebook, Google und Co. in Wahrheit für Diktatur-Tools?

Stein: Nein, Diktatur-Tools sind das nicht. Sie haben einen wesentlichen Nutzen für uns, jeder Dienst leistet etwas Eigenes. Und die Nutzung dieser Dienste wäre auch nicht problematisch, wenn dahinter kein Wirtschaftsunternehmen steckte, das Profit erzielen soll. Wir werden in dem Glauben gelassen, der Service sei kostenlos, aber wir zahlen in einer anderen Währung als Geld: zum Beispiel Informationen über uns selbst...

ZEIT: ...die gespeichert werden und aus denen Profile entstehen. Die Konzerne sagen: Nur wenn sie alles über uns wissen, können sie unsere geheimsten Wünsche erfüllen.

Stein: Dieser Handel ist ja auch in Ordnung, wenn der Einzelne seine Daten bewusst weggibt und dafür einen entsprechend großen Vorteil erntet. Was mich nervös macht, sind die verborgenen Überwachungspotenziale, wir kennen das längst aus den USA. Dort wird das FBI regelmäßig bei den Internetkonzernen vorstellig, um Profile anzuzapfen – im Namen der Strafverfolgung.

ZEIT: Das ist Amerika.

Stein: Ich halte es für überhaupt nicht unwahrscheinlich, dass hierzulande in einem Zustand nationaler Aufregung ein Gesetz erlassen wird, bei dem die Behörden plötzlich Zugriff auf sämtliche bei den Privatfirmen gespeicherte Daten erhalten. Gruselig! Erinnern Sie sich noch an den Bohei um die Akten des Staatssicherheitsdienstes? Öffnen oder nicht? Dabei waren das meist noch handschriftliche Unterlagen. Und im Westen führte die Volkszählung zu riesigen Diskussionen. Aber heute könnte mit ein paar Gesetzesänderungen der Staat flächendeckend und auf Knopfdruck über jeden einzelnen Bürger Bescheid wissen, indem er die personenbezogenen Daten bei den großen Firmen anzapft.