Wenn nur diese Parlamente nicht wären ! Dann könnten die Regierungen ungestört regieren und alsbald den Euro retten. Wenn nur die Bürger nicht wären, die sich an ihre immer schlechter funktionierenden Nationalstaaten klammern! Dann könnte man den großen Sprung in die totale europäische Vereinigung machen. Wenn nur die Deutschen nicht wären mit ihrem Geiz und ihrer Inflationsangst! Dann würde man sofort die Schulden vergemeinschaften, und die Märkte würden sich nicht mehr trauen, dagegen anzuspekulieren.

Wenn, wenn, wenn. Die Debatte über den Euro hat einen solchen Grad von Verzweiflung und Verwirrung erreicht, dass einige nun versuchen, Realitäten wegzubefehlen. Die Euro-Krise scheint in ihre autoritäre Phase zu treten. Mario Monti, der bis heute nicht vom Volk gewählte Ministerpräsident Italiens, will den Einfluss der Parlamente zurückdrängen. Silvio Berlusconis Zeitung Il Giornale versucht, mit der Schlagzeile Quarto Reich die Deutschen mundtot zu machen . Und in Deutschland möchten drei Professoren im Auftrag der SPD den Bürgern mit apokalyptischen Drohungen einen großen Sprung nach vorn verordnen. "Der Verzicht auf die europäische Einigung", so schreiben Jürgen Habermas, Peter Bofinger und Julian Nida-Rümelin, "wäre ein Abschied von der Weltgeschichte." Wir oder der Untergang?!

Nein, der Verzicht auf die sofortige vollständige politische Einigung bedeutet keineswegs den Abschied von der Weltgeschichte. So wenig, wie der Austritt Griechenlands zwangsläufig das Ende des Euro herbeiführt. So wenig, wie das Ende des Euro das Ende Europas bedeuten müsste.

Der Streit über die Finalität Europas würde jetzt ins Chaos führen

Kein Zweifel, der Kontinent befindet sich in einer äußerst schwierigen Lage . Doch die immer hemmungsloseren Drohungen mit allerlei Untergängen, die Behauptung, es gebe nur Heil oder Unheil, dienen ganz offenkundig dazu, eigene Interessen oder Utopien durchzusetzen. Ein Wunder ist das nicht: Einen so vielfältigen, komplexen, widersprüchlichen und ungleichzeitigen Kontinent vor irgendein rigoroses Entweder-oder schieben zu wollen, das muss in gegenseitigem herrischem Anschreien enden.

Weniger das Tempo der Entscheidungen und die Komplexität des Gegenstands machen die Leute in der Euro-Krise demokratisch so mürbe als vielmehr diese autoritäre Apokalyptik, gepaart mit jenem lebensfernen Entweder-oder.

Die drei Professoren tun das alles immerhin auf schlaue Weise. Sie nutzen eine zentrale Schwäche der Merkelschen Solidarität-gegen-Solidität-Politik: "Die Verschärfung der Krise zeigt, dass die bisher von der Bundesregierung durchgesetzte Strategie auf einer falschen Diagnose beruht." Das hört sich plausibel an, stimmt nur nicht. Die hohen Staatsschulden haben sehr wohl mit der Krise der Südländer zu tun, trotzdem wird diese Krise nicht einfach dadurch überwunden, dass die Staaten damit beginnen, etwas weniger von dem Geld auszugeben, das sie nicht haben. Man kann nicht in Monaten eine Schuldenkrise beseitigen, die sich in Jahrzehnten aufgebaut hat. Wahrscheinlicher ist, dass die Diagnose der Bundesregierung doch zutrifft, die Gegenmaßnahmen aber mehr Zeit brauchen und ergänzt werden müssen.