Am Anfang bringt die Mutter die Zwillingsbrüder aufs Land zu ihrer Großmutter. Die Großmutter schimpft sie "Hundesöhne" und sagt, sie lägen ihr auf der Tasche. Doch die zwei Kinder, die ununterscheidbar im "Wir" der Erzählstimme verschmolzen sind, lassen sich davon nicht verschrecken. Sie sind zu klug, um in dieser Welt auf Liebe und Mitgefühl zu hoffen. Doch woher nehmen sie ihre Klugheit? Woher haben sie dieses pessimistische Wissen? Darauf gibt Ágota Kristóf (1935 bis 2011) in ihrem schneidend-brillanten Roman Das große Heft keine Antwort. Und zwar so demonstrativ nicht, als wollte sie sagen: Das versteht sich von selbst. Dass die Welt ein Ort der Grausamkeit ist, bedarf keiner empirischen Erkenntnis.

Und doch erkennen wir in Kristófs Roman-Parabel mit gespenstischer Vertrautheit die Züge des totalitären 20. Jahrhunderts. Ágota Kristóf, 1935 in Ungarn geboren, floh 1956 in die Schweiz, wo sie später als Schriftstellerin auf Französisch zu schreiben begann. In Das Große Heft erkennen wir den Krieg wieder, mit dem die Nazis Europa überzogen, aber auch die Sowjetarmee, die sich die von ihr befreiten Länder ihrerseits unterwarf. Doch ist diese Zeitgeschichte nur verkörpert in Form ihrer Elementarkräfte Gewalt, Verrat, Unterdrückung, Hunger und Schmerz.

In dieser Welt erlegen sich die Zwillingsbrüder, diese unsentimentalen Überlebensprofis, "Übungen zur Abhärtung des Körpers" und "Übungen zur Abhärtung des Geistes" auf, und sie vergessen auch nicht, sich einer "Übung in Grausamkeit" zu unterziehen. Ein unerbittlicher Lehrplan für die Schule des Lebens. Der eiskalte Schauder, der einem beim Lesen von Ágota Kristófs unmenschlich großer Kunst den Rücken runterläuft, hat damit zu tun, dass es sich um zwei kleine Jungs handelt, die sich mit frühreifer Hellsicht für die Schlechtigkeit der Welt wappnen. Die Verfasserin hat ihren eigenen desillusionierten Blick ihren Protagonisten mitgegeben. Es gibt keine kindliche Unschuld mehr. Aber die Kinder werden darüber keineswegs zu Monstern. Soweit es ihr eigenes Überleben erlaubt, heben sich die Zwillinge von ihrer Umwelt sogar durch ein gewisses Mitgefühl für andere ab. Die Welt ist ein Abgrund, aber wenn man das weiß und kaltblütig genug ist, dann kann man sich in der steilen Felswand über dem Abgrund einrichten.

Sosehr Das große Heft eine Allegorie ist, sosehr das Zwillingspaar eine überzeitliche Erscheinung zu sein scheint, so sehr hängt der Leser mit dem Herzen an diesen beiden. Das soll etwas bedeuten in einem erzählerischen Umfeld, in dem das romantische Wort "Herz" so konsequent aus dem Wörterbuch der Wahrheit gestrichen ist. Von jedem überflüssigen Wort, das von der Grundnegativität der Welt ablenken könnte, bereinigt, ist Das große Heft ein bedeutender Roman der Weltliteratur, dessen Düsterkeit in keinem Moment leichtfertig wirkt.