ZEIT: Selbst wenn sie ohne Partner bleiben?

Blossfeld: Schauen Sie sich die Singlequoten an. Die höchsten finden sich heutzutage unter hoch qualifizierten Frauen und unter wenig gebildeten Männern, weil die für Frauen unattraktive Heiratspartner sind. Eigentlich schon immer waren.

ZEIT: Was folgt daraus?

Blossfeld: Sowohl Frauen als auch Männer müssten ihre normativen Vorstellungen von dem, was ein attraktiver Partner und eine erfolgreiche Beziehung ist, ändern. Bei Frauen gibt es bislang aber keinerlei Anzeichen dafür, dass das geschieht, zumindest hierzulande nicht. Männer dagegen scheinen eher bereit zu sein, ihr Muster zu ändern und sich nach oben zu orientieren. Das zeigen unsere Studien der Partnerwahl im Internet.

ZEIT: Na klar: Sie gewinnen schließlich, während die Frauen verlieren.

Blossfeld: Ganz so einfach ist das nicht. Für einen Mann, der die traditionellen Vorstellungen im Kopf hat, von wegen: "Der Mann ist der Ernährer", für so einen Mann ist es eine Art Entmännlichung, eine Frau zu heiraten, die gebildeter ist als er selbst, die mehr Geld verdient und mehr Einfluss und Macht hat. Trotzdem: Die Männer sind offenbar eher bereit, ihr Muster zu ändern. Wir haben zum Beispiel eine digitale Heiratsbörse analysiert, mehrere Zehntausend anonymisierte Datensätze: Wer schreibt wen an, und wer schreibt wem zurück. Da zeigt sich: Es gibt einige Männer, die gegen alle Normen versuchen, bei besser gebildeten Frauen zu landen, aber die lassen sie abblitzen. Das heißt, der Widerstand gegen das Aufbrechen der traditionellen Rollenmuster ist eher bei den Frauen anzusiedeln als bei den Männern.

ZEIT: Klingt aussichtslos.

Blossfeld: Es gibt auch Paare, bei denen das funktioniert. Aber die Frau, die erfolgreich ist und einen Mann mit niedrigerem sozialen Status wählt, zahlt dafür einen Preis: Sie hat die Mehrfachbelastung mit Beruf, Familie und Haushalt.

ZEIT: Selbst wenn er weniger zu tun hat im Job?

Blossfeld: Ja. Wenn Menschen so funktionierten, wie Ökonomen das behaupten, wäre alles ganz einfach. Dann würde derjenige den Haushalt machen, der weniger arbeitet und weniger verdient, und derjenige, der erfolgreich ist im Job, bringt das Geld nach Hause. Aber das klappt in der Realität nicht. Es gibt in unserer Gesellschaft immer noch feste Vorstellungen davon, was Frauenarbeit ist und was Männerarbeit. Wenn er das Auto repariert, macht er das nicht zwangsläufig, weil er das besser kann, sondern weil er zeigen kann: Ich bin ein Mann. Und wenn sie die Wäsche macht, dann auch, weil sie damit zeigen kann: Ich bin eine Frau. Die Geschlechtsidentitäten werden anhand alltäglicher Tätigkeiten ständig reproduziert.

ZEIT: Was passiert in einem System, in dem die Frauen plötzlich die besser Ausgebildeten sind?

Blossfeld: Unsere Beobachtungen legen nahe: Je mehr Frauen die Ernährerrolle übernehmen und den Mann dabei überflügeln, desto mehr muss sich der Mann seiner Geschlechtsidentität versichern. Die aber würde er noch stärker gefährden, wenn er auch noch bügelte, kochte oder die Kinder wickelte. Im Extremfall heißt das: Sie verdient das Geld und macht den Haushalt, er ist arbeitslos und macht nichts.

ZEIT: Das ist arg zugespitzt, oder?

Blossfeld: Ja, sicher, aber unsere Daten belegen es genau so: Sobald das erste Kind geboren wird, treten fast automatisch die traditionellen Strukturen in Kraft. Das ist der Moment, in dem die Männer wieder an den Frauen vorbeiziehen. Und spätestens nach 15 Jahren Beziehung laufen 85 Prozent der Ehen nach dem Muster ab, dass die Frau die komplette Hausarbeit erledigt.

ZEIT: Ein Argument gegen das Betreuungsgeld.

Blossfeld: Die Unternehmen verhalten sich auch zwiespältig. Auf der einen Seite wollen sie die hoch qualifizierten Frauen umwerben – indem sie Kinderbetreuungsmöglichkeiten anbieten, vernünftige Arbeitszeiten ermöglichen und so weiter. Gleichzeitig aber werden sie einen Teufel tun, Männer, die hervorragende Mitarbeiter sind, für eine längere Zeit in die Familie zu schicken. Also senden die Unternehmen ständig ambivalente, geschlechtsspezifische Botschaften. Mit Chancengleichheit hat das nichts zu tun.