Das Tragische am Menschsein ist, dass wir nicht merken, wenn wir ins Unglück rennen. Wir denken, es herrscht Frieden, aber es beginnt schon der Krieg. Wir glauben, wir haben die Liebe, aber liefern uns aus an den Hass. Wir hoffen auf Leben, aber die Messer sind längst gezückt. So war das schon in Troja, als die Griechen ihr verhängnisvolles Pferd in die Stadt rollten, allen Kassandrarufen zum Trotz.

Die Trojaner in ihrer Eitelkeit wähnten den Krieg gewonnen, nur eine einzelne Amazone wachte beim hölzernen Pferd, dem Geschenk der Feinde misstrauend, aus dessen Bauch dann die Mörder sprangen. Aus dem fatalen Hang zur Selbsttäuschung entstehen die Tragödien, die Christa Wolf (1929 bis 2011) uns erzählt, damit wir uns darin erkennen.

"Vergeblich versuchen wir uns der Gewalt zu entziehen", heißt es gleich am Anfang von Kassandra, und die Richtung der Erzählung soll die Richtung all unseres Tuns andeuten, nämlich immer abwärts, unaufhaltsam hinab in Schmerz und Tod. Zuerst wird die Amazone niedergemetzelt von den viehischen Truppen Achills, dann fallen sie über die staunenden Trojaner her, und dann ist kein Halten mehr für das Schänden, Aufschlitzen, Kopfabschlagen und Herzrausreißen.

Warum wird der Mensch zum Vieh? Das ist die große Frage, die der Mythos aufwirft, aber unsere eigene Geschichte auch. Christa Wolfs Antwort lautet: aus Schwäche und Angst. Die Angst des Achill vor den schönen Frauen. Die Wut des Agamemnon auf die starken Männer. Wolf psychologisiert den Mythos, um die kleinlichen Gründe zu enthüllen, die den Frieden verhindern. Die unser Glück zerstören und unser Verhängnis sind.

Deshalb versetzt uns die Dichterin in die Perspektive der trojanischen Seherin Kassandra. Damit wir das Uralte als Ureigenes schreckhaft erkennen: Blutrausch und Mordlust, Schändung der Tempel und Verrat unter Brüdern. So wäre das in den achtziger Jahren, als das Buch entstand, ja beinahe wieder gekommen. Noch so eine Epoche des Wahns: Zwei Deutschländer belagerten einander, und hinter ihnen standen riesige Heere, die glaubten, nur Hochrüstung könne den Dritten Weltkrieg verhindern.

Damals nahmen Schriftsteller wie Heiner Müller, Volker Braun, Franz Fühmann und Christa Wolf den Mythos als Maschine, um ihr kriegerisches Jahrhundert freizulegen bis auf die Knochen. Sie beschrieben die Grausamkeit der Götter, die jene der Menschen zu übertreffen sucht. Sie zeigten die mythische Dimension der Wirklichkeit: das ewige Erobern und Machthabenwollen.

Warum gibt es für die Gräuel, die wir einander antun, keine Grenzen? Warum vertreiben wir einander aus dem Paradies? Sind wir unfähig zu leben? Sind wir nicht, sagt Christa Wolf. Wir müssten nur einmal unsere lächerliche Angst überwinden und die Waffen ablegen. Sonst wird wie in Troja am Ende niemand mehr heil sein, die Sieger ebenso wenig wie die Besiegten.