Erst kürzlich haben die Mailänder entdeckt, dass ein Fahrrad nicht nur ein schönes Accessoire ist, sondern auch ein Fortbewegungsmittel. Es gibt inzwischen 128 Fahrrad-Verleihstationen in der Innenstadt. Die Räder werden gut angenommen. Das Dolce-&-Gabbana -Fahrrad hat nicht nur einen Rahmen mit Leomuster, einem wiederkehrenden Motiv in den Kollektionen des Hauses; es hat auch einen Korb, zwei Gepäckträger, Licht, eine Klingel. Gut, die Reifen sind quasi platt, als mir das Rad zum Testen überreicht wird. Aber schnell kann man in dieser Stadt sowieso nicht fahren.

Denn es gilt hier, besonders während der Modenschauen, die Regel, dass man ohne Rücksicht auf Verluste das Beste aus seinem Äußeren zu machen hat. Minus zwei Grad draußen – kein Grund, eine Strumpfhose unter dem Rock zu tragen. 35 Grad im Schatten – angeschwollene Füße werden in Riemchensandalen mit 14 Zentimeter hohen Absätzen gedrückt. Das ist eine Frage der Disziplin. Der soziale Druck im Modenschaupublikum ist so hoch wie der unter Ivy-League-Studenten, nur anderen Inhalts. Dem können sich nur sehr unabhängige Geister entziehen. Andere fahren dann letztlich in einem nicht geeigneten Outfit – wackelige Sandalen, Rock, rutschende Träger – auf dem Dolce-&-Gabbana-Fahrrad von Schau zu Schau.

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Mailänder Fahrrad-Problem Nummer zwei: keine Radwege. Von Radwegen haben die Italiener noch nie etwas gehört. Es scheint ihnen ein abwegiger Gedanke, wie Parmesan über eine Fischpasta zu reiben. Wenn sich keiner an existierende Fahrbahnmarkierungen hält, warum dann neue anbringen? Problem Nummer drei: Straßenbahnschienen. Die ganze Stadt ist voll davon. Die Straßenbahnschiene ist, wie deutsche Grundschüler in der Verkehrserziehung lernen, der natürliche Feind des Radfahrers. Gibt es in Italien eine educazione alla circolazione? Problem Nummer vier: das Kopfsteinpflaster dieser schönen alten Stadt. Und schließlich die allergrößte Sorge des Radfahrers: die Autofahrer, die sich grundsätzlich nicht umsehen beim Rechtsabbiegen. Oder doch, sie sehen sich um, lächeln sehr nett und fahren weiter.

Das beste Transportmittel ist in Mailand immer noch das klimatisierte Auto mit Fahrer. Die Chauffeure lesen Gazzetta dello Sport, während sie vor den Schauen auf ihre glücklichen Chefinnen warten. Sie besorgen auf Wunsch gekühltes Wasser und glutenfreie Kekse, und sie sind sehr gut angezogen.

Technische Daten

Rahmen: Stahl, vergoldete Details
Schaltung: keine
Bremsen: Felgenbremsen über Gestänge
Gewicht: Danach fragt man nicht
Preis: 1.600 Euro

Elisabeth Raether ist Redakteurin des ZEITmagazins