Als Hans Georg Maaßen vor drei Wochen abends um neun einen Anruf von Bundesinnenminister Friedrich auf seinem Handy sah, wusste er: Das bedeutet eine Katastrophe – oder die Beförderung. Die Ahnung, dass er es als neuer Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz womöglich mit beidem zu tun haben könnte, erwähnte er gegenüber Kollegen aus dem Ministerium in den Tagen danach: Er fühle sich »wie der Stadtbaudirektor von Köln nach dem Zweiten Weltkrieg«.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz steckt in der schwersten Krise nach seiner Gründung im Kalten Krieg, als seine Legitimation allenthalben noch Konsens war. Heute ist dieser Konsens nicht nur deshalb brüchig, weil im Zeitalter der Piraten vielen Bürgern die schiere Existenz einer Überwachungsbehörde suspekt ist. Bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus haben sich das Amt und vor allem seine Landesämter als dermaßen ineffizient, fürstentümerisch und antriebsarm präsentiert, dass auch vielen Wohlmeinenden Zweifel an seiner Existenzberechtigung gekommen sind.

Hans-Georg Maaßen hat trotzdem, ohne zu zögern, gesagt: »Herr Minister, ich mache das!« Warum eigentlich?

Wer ihn in seinem neuen Berliner Büro besucht, der Außenstelle des Bundesamtes, muss die Sicherheitsschleusen der riesigen BKA-Festung im Treptower Park überwinden, Telefon und Ausweis abgeben und lange Gänge durchwandern. Der 49-jährige Maaßen präsentiert sich wild entschlossen und vergnügt. Man sähe ihm den Bürokraten schon auf zehn Meter an, hatte es geheißen – ganz falsch. Die kleine runde Brille mit dem Goldrand erinnert eher an einen Intellektuellen der Weimarer Republik, sein Lieblingsfilm ist Das Leben des Brian, Monty Pythons Verballhornung des Evangeliums.

Weder wolle er sich amtsintern zum reinen Sprachrohr der öffentlichen Kritik am Verfassungsschutz machen, noch werde er die Mitarbeiter vor den lange vernachlässigten Strukturreformen schützen – an erster Stelle die bessere Kooperation zwischen Bund und Ländern, aber auch die Zusammenarbeit mit der Polizei. »Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Arbeit des Verfassungsschutzes ist massiv gestört« sagt Maaßen. »Wir müssen versuchen, es wieder herzustellen. Dazu gehört insbesondere eine größere Transparenz gegenüber dem Parlament. Die Mitarbeiter sollen sich bewusst sein, dass sie beim Schutz unserer freiheitlichen Demokratie mitwirken - eine Aufgabe, so wichtig wie die von Polizei oder Feuerwehr.«

Maaßens Berufung ist scharf kritisiert worden . Oppositionspolitiker nannten ihn »Referatsleiter Gnadenlos« oder »eiskalter Technokrat«. Die Vorwürfe beziehen sich auf Maaßens Rolle im Fall des ehemaligen Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz. Als Referatsleiter für Ausländerrecht hatte Maaßen damals referiert, Kurnaz’ Aufenthaltsrecht sei erloschen, weil er sich sechs Monate lang nicht in Deutschland aufgehalten habe. Dass Kurnaz sich nicht freiwillig außer Landes aufhielt, sondern in Guantánamo festgehalten wurde, war unerheblich. Maaßen folgte dabei strikt den Regelungen des Aufenthaltsrechts, wies aber auch darauf hin, dass Kurnaz ohne Weiteres mit einem Visum einreisen könne. Nur wollte ihm niemand eins ausstellen.

Spricht man Otto Schily, Maaßens damaligen Dienstherrn, auf diese Vorwürfe an, wird er ungeduldig. »Das ist nun wirklich dummes Zeug«, schnaubt der frühere SPD-Innenminister durchs Telefon, aus der Toskana, wo er kürzlich seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat. »Maaßen hat damals als Referatsleiter eine Rechtsauskunft erteilt. Die politischen Entscheidungen habe ich getroffen. Er ist ein loyaler Beamter. Hätte er sagen sollen: Mein Minister hat Mist gebaut? Wer Kritik an seiner Aussage hat, soll mich kritisieren.« Niemand habe sich 2002, ein Jahr nach 9/11, für einen Mann einsetzen wollen, der damals als »Bremer Taliban« bezeichnet worden sei – nicht das Kanzleramt, nicht das Außenministerium und auch die Medien nicht. Genau so sehen es auch der grüne Innenpolitiker Wolfgang Wieland oder sein SPD-Kollege Michael Hartmann. Dass der Senat der Freien Universität Berlin seiner juristischen Fakultät wegen des Falls Kurnaz die Bitte abschlug, Maaßen zum Honorarprofessor zu bestellen, verrät womöglich mehr über den Senat als über den Dozenten.