Was ist von einem Ort der Kultur zu halten, der von einer goldenen Ananas gekrönt wird? Und wie soll man ein Museum finden, das sich für so gut wie alles interessiert, für sibirischen Schamanismus und Apple-Design, für südchinesische Pinselständer aus Elfenbein und ebenso für DDR-Stapelgeschirr aus Pressglas vom sächsischen VEB Glaswerk Schwepnitz?

Willkommen im Grassi-Museum! Leipzigs Museumsinsel am Johannisplatz, unweit von Oper und Neuem Gewandhaus, hält manch Wunderliches und noch viel mehr Wunderbares bereit. In dem schlossähnlichen Art-déco-Komplex aus rotem Porphyrstein, einem der wenigen Museumsneubauten der Weimarer Republik, residieren gleich drei eigenständige Sammlungen unter einem Dach: das Museum für Angewandte Kunst sowie das Völkerkunde- und das Musikinstrumenten-Museum.

Während es im nahen Dresden die Kurfürsten waren, die Kunst- und Kulturschätze aus mehreren Jahrtausenden anhäuften und der Öffentlichkeit zugänglich machten, taten dies in Leipzig die Bürger, allen voran der Kaufmann Franz Dominic Grassi (1801 bis 1880). Das mit seinem Nachlass gegründete Museum wurde allerdings im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, und es sollte fast ein Menschenleben lang dauern bis zu seinem Happy End: Teils nach Plänen des Architekten David Chipperfield wurde das Haus nach und nach saniert und wiedereröffnet; zuletzt kam im März 2012 der neuste Abschnitt im Museum für Angewandte Kunst hinzu: Jugendstil bis Gegenwart.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Schon allein für diesen Rundgang auf zwei Etagen mit rund 1500 Exponaten lohnt sich der Besuch. Das erste Staunen: Was für ein feiner Ornamente-Zoo! Pfauen, Seepferdchen, Fledermäuse zieren Vasen, Teller, Leuchter. Da ist verspielt Frivoles wie Max Klingers Ofenkachel mit weiblichem Akt auf Delfin – und internationaler Jugendstil in Fülle: ein Glück für die Leipziger, dass ihr damaliger Museumsdirektor Richard Graul auf der Pariser Weltausstellung 1900 wie im Rausch zahlreiche Werke erwarb.

Schon früh unterhielt Deutschlands zweitälteste Design-Sammlung auch gute Kontakte zum Bauhaus und zur Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle; oder zu den Deutschen Werkstätten in Dresden-Hellerau, wo Richard Riemerschmid erstmals Möbel für die maschinelle Serienproduktion entworfen hatte. So gelangten unzählige Prachtstücke ins Grassi. Und es macht einfach Spaß, das Art-déco-Speisezimmer der Leipziger Familie Treusch mit der nebenan gezeigten »Typenküche« aus der Staatlichen Bauhochschule Weimar (beides um 1928) zu vergleichen; den Übergang vom Schmucken, Kurvigen zum Zweckmäßigen, Kantigen.

Spektakulär ist zudem die große Menge an DDR-Stücken in der Ausstellung, vom Kinder-Schaukelwagen bis zum Robotron-Computer für das volkseigene Büro. Man sieht, dass die Design-Entwicklung in den beiden deutschen Staaten lange parallel verlief. Oder im Zusammenspiel: Ende der sechziger Jahre erfand man im Westen das »Garten-Ei«, ein knallrotes aufklappbares Sitzmöbel für draußen, das an eine Puderdose erinnert. Produziert wurde es schließlich vom VEB Chemiekombinat Schwarzheide/Senftenberg. Das kam billiger.

Und siehe da: ein Noppenglas in Hellgrün, wie man es derzeit in Läden für gehobenen Hausrat finden kann. Aber dieses hier ist aus der frühen Neuzeit! Es steht in jenem Trakt des Hauses aus 30 Sälen und Kabinetten, der das Kunsthandwerk von der Antike bis zum Historismus feiert. Was soll man hervorheben? Gewaltiges wie den gotischen Flügelaltar oder die komplette Wandvertäfelung aus dem Speisesaal eines italienischen Klosters (um 1670)? Zierliches wie die Renaissance-Besteckgriffe in Gestalt von Adam und Eva? Oder den lebensgroßen Porzellanpelikan, der einen Porzellanfisch verschlingt?

Nach so viel Anschauungsmaterial zu Gestaltungswillen und Kunstfertigkeit des Menschen wird es Zeit für eine Rast im begrünten Ehrenhof des Art-déco-Palais. Dann quält den Besucher die Wahl: wie weiter? Zur asiatischen Kunst in die herrliche Pfeilerhalle? Man könnte auch zur Musikinstrumentensammlung gehen und sich dort in die Geschichte des Hammerflügels vertiefen. Oder zur riesigen Völkerkunde-Schau mit Schätzen vom Amazonas, aus Benin oder Ozeanien. Danach weiß man wieder etwas mehr von der Welt. Und die goldene Ananas auf dem Dach des Grassi – sie soll in Wahrheit eine Agave sein.