Das berühmteste Zeltlager der Republik ist geschlossen. Anfang der Woche räumte die Polizei das Occupy-Camp vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Die Handvoll Aktivisten, die dort noch ausgeharrt hatten, leisteten kaum Widerstand. Schon länger war es still um sie geworden. Wenn die Zeitungen berichteten, ging es nicht mehr um den Protest. Es ging um die Rattenplage in der Zeltstadt. Die Bürger beschwerten sich über Gestank und Geziefer.

Mit der Räumung im Zentrum der Bankentürme verliert die Occupy-Bewegung ihren symbolträchtigsten Ort. Das Camp im New Yorker Zuccotti Park ist längst geschlossen. Berlin, Düsseldorf – geräumt. Kiel soll folgen. In Madrid und Tel Aviv, wo es anfing, ist Ruhe eingekehrt. Occupy scheint am Ende zu sein.

Was ist aus der Bewegung geworden, der so viel Sympathie entgegengebracht wurde – von Linken wie Konservativen, Arbeitern wie Unternehmern? In Frankfurt brachten Nachbarn Essen und boten den Aktivisten ihre Dusche an. Selbst Bankangestellte schauten nach Feierabend in dem Lager vorbei. Warum kippte die Stimmung?

Erstens waren die Erwartungen zu hoch. Die Medien haben die Bewegung hierzulande größer gemacht, als sie war. In Frankfurt demonstrierten einmal 6000 Menschen. Die Tieferlegung eines Bahnhofs brachte monatelang mehr Menschen auf die Straße. Einige sahen in Occupy eine antikapitalistische Weltrevolution. Das war die Bewegung aber nie. Sie bot nur ein Ventil für ein diffuses Gefühl, das viele Menschen teilten. Das Gefühl, dass es in unserer Gesellschaft nicht gerecht zugehe. Die Bank gewinnt, das Volk verliert. Als sich dieses Gefühl entladen hatte, verpuffte es.

Zweitens war der Protest das einzige Programm. Im Hamburger Occupy-Camp hängt ein Transparent, auf dem steht: "Stoppt den ESM, Acta, Hunger, Leid, Krieg". Auf einem anderen steht: "Liebe". Dagegen ist nichts einzuwenden, aber es löst keine Probleme. Soll Griechenland gerettet werden? Brauchen wir den Euro? Wie müsste eine bessere Finanzindustrie aussehen? Auf all das geben die Aktivisten keine Antwort. Die einzige Position, die sie haben, lautet: Die Banker sind böse!

Tragisch nur, dass Banken-Bashing längst Allgemeingut ist. Politiker jedweder Couleur beklagen die Boni-Exzesse und die undurchsichtigen Finanzinstrumente. Alle wollen die Institute einer strengeren Aufsicht unterstellen. Doch viel passiert ist bisher nicht. So richtig traut sich niemand ran an die Banken. Zu schwach ist der Mut zu beherzten Reformen. Vielleicht ist auch die Lobby der Banken zu stark.

Eine Occupy-Bewegung, die den Politikern Druck macht zu handeln, würde gut tun. Schade, dass mit ihr nicht mehr zu rechnen ist.