Die deutsche Ruderin Nadja Drygalla ist vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gezwungen worden, ihre Mannschaft zu verlassen, weil ihr Lebensgefährte bis vor Kurzem Mitglied der NPD und eine namhafte Gestalt der Rostocker Neonaziszene gewesen ist. Man muss den ungeheuerlichen Vorgang in dieser Knappheit formulieren, um aus dem Nebel der Verlautbarungen und Verklausulierungen, der Mutmaßungen und Unterstellungen den Kern des Skandals herauszulösen. Er besteht nicht darin, dass eine Sportlerin mit Kontakten zu einem zweifelhaften Milieu in die deutsche Olympiamannschaft gelangen konnte. Er besteht auch nicht darin, dass sie wegen ebendieser Kontakte ihre Polizeiausbildung abbrechen musste – und dies erst jetzt einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde. Polizeidienst und olympischer Sport sind zwei völlig verschiedene Dinge. Im Polizeidienst kann es zu Gewissenskonflikten kommen, zum Beispiel im Falle einer Razzia gegen Rostocker Neonazis. Beim Sport geht es um eine Leistung, die weder politische noch juristische Pointen kennt.

Der Skandal besteht vielmehr im Gegenteil darin, dass eine Sportlerin für die politische Orientierung ihres Freundes in Sippenhaft genommen wurde. Sie hat nicht getäuscht oder gelogen, schon gar nicht ist sie mit rassistischen Twitterkommentaren aufgefallen wie schon andere in London. Sie hat nur einen, aus Sicht des DOSB freilich unaufhebbaren, Makel: Sie unterhält eine Liebesbeziehung zu einem – vielleicht inzwischen sogar nur mehr ehemaligen – Neonazi. Wie soll man das nennen, wenn man es nicht Sippenhaft nennen will? Man straft das Mädchen für den Freund, der Mitglied einer rechtsradikalen Partei war, die man nicht verbieten konnte – was ist das? Man straft die Sportlerin für neonazistische Untaten, die in Ostdeutschland sonst nur unzureichend oder gar nicht verfolgt werden – wie soll man das bezeichnen?

Selbstverständlich wehren sich die deutschen Sportfunktionäre gegen den Ausdruck Sippenhaft. Selbstverständlich geben sie alle möglichen Ehrenerklärungen für das Mädchen ab. Selbstverständlich bestreiten sie, Nadja Drygalla zu ihrem Rückzug aus London gezwungen zu haben. Frau Drygalla habe selbstverständlich eingesehen, dass es besser für sie und alle wäre, wenn sie das olympische Dorf verlasse. Man kennt das Verlautbarungsmuster von den politischen Schauprozessen des vorigen Jahrhunderts, in denen reuige Angeklagte sich selbst staatsfeindlicher Umtriebe bezichtigten und mit ihrer Strafe einverstanden erklärten – weil es zum Besten des Landes sei.

Und in der Tat: Um das Beste für das Land, um eine Art patriotischer Gefahrenabwehr ging es offenbar auch dieses Mal. Die unendlich gewundenen Erklärungen des DOSB hat ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung in einen ähnlich gewundenen, aber hinreichend aussagekräftigen Satz gefasst: "In der immer schneller rotierenden Welt der verkürzten, auf Effekte ausgerichteten Kommunikation hätte die Stichwort-Kombination ›junge Deutsche, Freundin eines Nazis, Mitglied des Olympiateams‹ schnell in England und dann in aller Welt ein groteskes, aberwitziges falsches Bild produziert, gegen das aber jede Aufklärung machtlos gewesen wäre: deutsche Sportler von Nazis unterwandert. Dazu durfte es der DOSB nicht kommen lassen."

Vielleicht war den Sportfunktionären sogar bewusst, dass eine Liebesbeziehung keine Rückschlüsse auf politische Einstellungen erlaubt. Vielleicht ahnten sie auch, dass selbst zweifelhafte politische Einstellungen niemanden etwas angehen, solange sie nicht in unerlaubte Taten münden. Das hieße, die Funktionäre hätten weder aus politischer Verantwortung noch aus persönlichem Misstrauen gegen Nadja Drygalla gehandelt, sondern nur in vorauseilender Ergebung in die Macht übelwollender Medien.