Die jungen Musiker der Soul Rebels Brass Band sind körperliche Höchstleistungen gewohnt: Schon seit zwei Stunden pusten sie im Bon-Temps-Roulé-Club in Uptown New Orleans aus ihren Rohren, was die Lungen nur hergeben. Es riecht nach Schweiß und Bier. Das Kondenswasser tropft von den holzgetäfelten Wänden. Weiße Collegestudenten und schwarze Nachbarschaftskids schreien im Chor "Showtime, Showtime", das ist einer der lokalen Hits der Soul Rebels. Und es ist nur der Anfang einer langen Nacht. Sobald Sousafon-Spieler Edward Lee Jr. einen gewaltigen Basslauf aus seinem Trichter lässt, johlt die Menge auf, und die Tänzer bilden einen Kreis vor der Bühne, um sich unter den Anfeuerungsrufen der Umstehenden zu duellieren: mit kreisenden Becken, wilden Sprüngen – und manchmal auch auf allen vieren. Es käme in New Orleans jedenfalls einem Verbrechen gleich, angesichts der Druckwelle der Bläser einfach still zu stehen. Trompeten und Posaunen jagen sich in schrillen, insistierenden Riffs. Das hart geschlagene Becken klingt afrikanisch; und wenn die heiseren Männerkehlen der Soul Rebels in einen Chant einfallen, grölen alle mit: Die Melodien kennt hier jedes Kind.

Die New Yorker Village Voice hatte die Soul Rebels Brass Band kürzlich das "Missing Link zwischen Louis Armstrong und Public Enemy " genannt. Tatsächlich erinnert das New Orleans der Soul Rebels kaum an das Touristenklischee vom Dixie-Museum, sondern eher an ein zeitgenössisches Laboratorium der Straßenmusik. Entsprechend selbstbewusst präsentiert sich Unlock Your Mind (Rounder Records), das erste Album der Brassband für den internationalen Markt: Uropas Jazz gibt die Besetzung vor, und der Hip-Hop liefert die Energie. Entscheidend aber bleibt der Funk, die schmutzige Intonation, mit der die Soul Rebels Pop-Melodien, Jazz-Riffs und Dancefloor-Rhythmen aufeinanderprallen lassen. "Es hat schon seinen Grund", erklärt der Schlagzeuger Lumar LeBlanc, "warum du in New Orleans mehr Bläser pro Kopf findest als in jeder anderen Stadt: Wenn am Sonntag um zwei Uhr eine Brassband um deinen Block marschiert und von deiner Großmutter bis zu deinem achtjährigen Cousin alle auf die Straße stürmen, weißt du, was Musik bewegen kann."

Auch die Musiker der Soul Rebels verdienten sich zunächst bei Harold Dejeans Young Olympia Brass Band ihre Sporen – mit überlieferten Märschen und Beerdigungsnummern. Bis das den beiden Trommlern Lumar LeBlanc und Derrick Moss nicht mehr reichte. Sie rekrutierten ein halbes Dutzend Gleichgesinnter aus regionalen High School Marching Bands und brachten einen ganz neuen Wumms ins Spiel.


Als die Soul Rebels anfingen, waren die traditionellen Brassbands – einst Nährboden für die frühen Jazzer von Louis Armstrong bis Sidney Bechet – vom Aussterben bedroht. Ältere Herren wickelten die Jazz Funerals ab. Das sollte sich erst mit dem Welterfolg der jungen Dirty Dozen und der Rebirth Brass Band Anfang der neunziger Jahre ändern. Nun gründeten Jugendliche in unzähligen Vierteln ihre eigene Brassband, es wurde nicht mehr so sehr marschiert, sondern nach Breakdance-Art gegeneinander angetanzt. Buckjumping heißt das in New Orleans. Die Soul Rebels trieben die Revolution noch weiter. Funk- und Reggae-Rhythmen? Gesungene und gerappte Chants? Von der ganzen Band gesteppte Choreografien? Alles ist möglich, Hauptsache, die Tänzer kommen in Wallung. Die jungen Brassbands bliesen alle Genregrenzen über den Haufen, übersetzten die Hits, die ihnen aus Clubs und Autoradios entgegenwehten, in schrille, unwiderstehliche Bläsersätze. Kein Wunder, dass heute selbst lokale Hip-Hop-Stars die Bläser für ihre Plattenpräsentationen buchen. Die Mission der Soul Rebels Brass Band? "Früher", sagt Lumar LeBlanc, "durften die Brassbands bestenfalls draußen am Einlass eines Festivals auftreten. Wir wollen zeigen, dass wir dieselben Bühnen rocken können wie Snoop Dogg oder die Rolling Stones ."

Der Solistenstarkult zählt hier nichts

Dass heute immer mehr Jazzmusiker zu den Brassbands überlaufen, mag auch an deren Gruppengeist liegen: Der Solistenstarkult zählt hier nichts. Vielmehr entfaltet sich diese Tanzmusik erst im Kollektiv der Straße, in Kneipen und Clubs. Das hat etwas Anarchisches – und verleiht den Brassbands zu Zeiten der synthetisch aufbereiteten Dancefloor-Stangenware ihre eigene Hipness. Nicht nur in New Orleans. Der internationale Erfolg der bayerischen La Brass Banda , der Brooklyner Bollywood-Brassband Red Baraat, des Chicagoer Hypnotic Brass Ensembles und Dutzender Gypsy Brass Bands speist sich aus derselben Quelle. Es geht um die Sehnsucht nach Körperlichkeit, sinnlicher Unmittelbarkeit. Keine andere Musik lebt so sehr vom Atem. Keine andere Musik verlangt ähnlichen körperlichen Einsatz. So liefert die physische Wucht einer akustischen Blaskapelle nicht nur die Antithese zur haptisch-sinnlich entleerten Drückerei auf Keyboards, Laptops, Samplern – sondern auch ein beinahe mystisches Musikerlebnis: Bläser und Angeblasene verschmelzen zu einer Einheit, werden Teil eines großen atmenden Klangkörpers. One nation under a groove. Oder: Alles bewegt sich zum Tubalauf. Keine Maschinen, sondern allein die Lungenzüge der Musiker geben den Rhythmus vor. Welche instrumentale Musik kommt dem menschlichen Körper schon näher?


Mit der Körperlichkeit der Brassbands ging auch immer ihre Funktionalität einher: "Jazz", erklärt LeBlanc, "wurde bei Beerdigungen entwickelt, als die Musiker Kirchenlieder zu Second-Line-Tänzen abwandelten. Sie machten Musik für die Biertrinker in der Bar, andere Musik für den Gottesdienst und wieder andere für den Ausflug mit dem Partydampfer." Bis heute stellt diese Demokratie der Stile die größte Stärke junger Blaskapellen dar – ob sie nun aus München, New Orleans oder New York kommen: In ihren Trichtern wird alles zu Pop, sie dürfen einen Rihanna-Hit und anschließend einen Afrobeat und eine Swing-Nummer zum Besten geben. Oder eben auch Riffs und Melodien verschiedenster Songs neu montieren – nach demselben Prinzip, wie es der frühe Hip-Hop getan hat. Nur dass hier keine Samples gebraucht werden, denn hier dröhnt alles live aus den Schalltrichtern. Der Drummer der Soul Rebels sieht sich in guter Gesellschaft: "Louis Armstrong spielte nicht viel anders als wir. Er zitierte als Showman die Hits der Straße – und bezeichnete die Prostituierten, Zuhälter und Kleinkriminellen als seine Leute."

Unlock Your Mind nimmt dabei eine alte Brassband-Wette auf: Wie weit lässt sich ein Popsong verfremden? Lee Dorseys Night People und Stevie Wonders Living For The City werden von den Soul Rebels als von Riffs strukturierte Trance-Nummern neu erschaffen. Noch überraschender: eine Coverversion des Eurythmics-Klassikers Sweet Dreams (Are Made Of This), die erst wie ein Beerdigungsmarsch dahinschleicht, um dann – im Gegensatz zum unterkühlten Original – in einen frenetisch überhitzten Bläser-Workout zu münden. Ähnlich schmutzig tönen die Eigenkompositionen der Soul Rebels Brass Band – auch wenn Gastbeiträge von Rhythm-’n’-Blues-Legende Cyril Neville oder Meters-Gitarrist Leo Neocentelli sich eher als Respektsbekundung denn als musikalische Notwendigkeit erweisen. Die sechs Bläser und zwei Trommler allein jedenfalls reichen aus, um ein beliebiges Publikum in kollektive Ekstase zu pusten. Als die Soul Rebels letztes Jahr für Jools Hollands Fernsehshow in London vor Metallica auftraten, waren die Rocker aus dem Häuschen. Sie buchten das Soul-Rebels-Gebläse für ihre "30 Jahre Metallica"-Shows in San Francisco. Die gemeinsame Jam-Session bestätigte LeBlanc: "Lange vor Rock oder Hip-Hop lieferten die Brassbands die erste Straßenmusik überhaupt. Jetzt wollen uns die Straßen zurück."