Viel ist die Rede von der Hoffart des Geistes, viel von Wollust und Unzucht. Viel auch von falschen Parakleten, von Chiromanten, simonistischen Priestern und anderen Sonderlichkeiten, die man in so einem Roman nicht unbedingt erwarten würde. Denn wer interessiert sich schon für langatmige Predigten über die Bestia immunda, den Antichrist? Wer für die Unterschiede zwischen Waldensern und Albigensern und all den anderen christlichen Sektierern des Mittelalters? Wie sollte so etwas ein Millionenpublikum locken? Erstaunlicherweise ist Umberto Eco (geboren 1932) ebendas gelungen. Über Jahre hinweg stand Der Name der Rose ganz oben auf den Bestsellerlisten, ein Roman, der vordergründig von einem norditalienischen Benediktinerkloster erzählt, vom finsteren Treiben der Mönche, die sich gegenseitig umbringen, der aber viel mehr sein will als bloß eine Detektivgeschichte aus dem Jahre 1327. Als Professor für Semiotik und Philosophie hat es sich Eco nicht nehmen lassen, weite Teile seines dickleibigen Werks mit sophistischen Betrachtungen zu füllen, etwa über den Universalienstreit zwischen Realisten und Nominalisten. Und so ist sein Buch alles auf einmal: Krimi und Sozialgeschichte und philosophisches Traktat, es ist spannend und gelehrt zugleich, es überspringt die Grenzen zwischen ernster und unterhaltsamer Belletristik. Für Eckhard Henscheid "ein mittelschweres Mirakel". Für viele Literaturwissenschaftler der erste große postmoderne Roman.

Postmodern, weil er von einer sanften Ironie durchweht wird. Postmodern aber vor allem, weil Eco ein Buch über das Bücherschreiben geschrieben hat, darüber, was Erzählen bedeutet und ob sich die Welt überhaupt in Worte fassen und wahrhaft begreifen lässt. Und so spricht aus diesem Roman bei aller Heiterkeit eine tiefe modernekritische Skepsis: Nicht zufällig erweist sich die sagenumwobene Bibliothek der Mönche als ein Labyrinth, in dem man sich leicht verlaufen kann. Auch die beiden Aufklärer des Romans, William von Baskerville und sein Gehilfe Adson, die den Mörder finden sollen, verirren sich im Gewirr der Regale und Kammern. Sie treten an im Namen des logischen Denkens und müssen doch feststellen, dass Vernunft und Wissen kaum etwas auszurichten vermögen. Denn hier im Kloster treffen sie auf eine "Wissenschaft im Dienst der Verschleierung statt im Dienst der Erleuchtung". Am Ende geht die kostbare Bibliothek in Flammen auf – und damit auch die Hoffnung, mit theologischen und philosophischen Wahrheiten die Welt wirklich ergründen zu können. Der Fall ist gelöst, doch alle Hoffnung zerstoben. Die Welt kennt keine Gewissheiten, keine gültige Ordnung mehr, auch darin ist dieser Roman postmodern. Alles, was bleibt, ist "ein klein wenig Ordnung in meinem armen Kopf", wie Bruder William sagt. Und natürlich dieses Buch, das wie kaum ein anderes machtvoll von der Ohnmacht der Bücher erzählt.