"Mangel an Welt": Mit diesem Argument erklärte Verleger Peter Suhrkamp dem 22-Jährigen, warum er dessen erstes Manuskript ablehnte; womöglich murmelte er noch etwas von "Blut und Boden", und überhaupt, was seien das für unmögliche Namen, "Babendererde"! Das war im Sommer 1957, und es ist ein großer Glücksfall der Literaturgeschichte, dass Uwe Johnson (1934 bis 1984) sich von diesem Gespräch nicht hat entmutigen lassen. Sein Romandebüt Ingrid Babendererde über eine mecklenburgische Schulklasse konnte man somit zwar erst nach seinem Tod lesen – wann je hätte es einen reiferen, wundervolleren Erstling eines 22-Jährigen gegeben? Aber bereits 1959 erschien dann jenes Buch, das den Mittzwanziger berühmt und dieses Jahr mit Günter Grass’ Blechtrommel und Heinrich Bölls Billard um halb zehn zum goldenen Jahr der deutschen Nachkriegsliteratur machte: Mutmassungen über Jakob. Fortan war der schwierig-schwerblütige, in Pommern geborene und in Mecklenburg aufgewachsene Autor, der im selben Jahr aus der DDR in den Westen ging, eine Größe im Literaturbetrieb. 1966 begann er in New York sein monumentales Hauptwerk Jahrestage, das nach drei Lieferungen und einer tiefen Schreibkrise schließlich 1983, nach 1891 Seiten, mit dem vierten Band vollendet war.

Die Hauptfigur Gesine Cresspahl erzählt in New York ihrer kleinen Tochter Marie von ihrer Herkunft – in Tagesrationen zwischen August 1967 und August 1968. Kunstvoll ist die Romankonstruktion; sie überspringt Raum und Zeit: Mecklenburg und New York verbinden sich, die Welt des 1880 geborenen Großvaters von Marie, Heinrich Cresspahl, und jene globale Gegenwart von Vietnamkrieg und Prager Frühling, die durch Gesines regelmäßige Lektüre der New York Times in den Roman einfließt. Das Leben im fiktiven mecklenburgischen Städtchen Jerichow zwischen Kaiserreich und DDR spiegelt sich im Brennglas unserer Moderne: Historie zwar, aber als deutsche Prägung voller Brüche fortwirkend, selbst wenn man sich wie die (bundes)- deutsche Gesellschaft in jenen Westen aufmachte, für den der Tischler und Nazigegner Cresspahl schon während des Krieges als Informant der Briten gearbeitet hatte. Zauberhafte Idyllen (unvergesslich Johnsons Fischland bei Ahrenshoop), ergreifende Bilder (tödliche Bombenangriffe, russische Lager), herber Humor, nuancenreiche Sprache und besessen präzise Erinnerung, parallelgeschaltet mit unserem Hier und Jetzt: Kaum je war deutsche Literatur welthaltiger.