Ist das noch Moskau? Der Moloch, in dem die Passanten sich nicht in die Augen schauen und ihre Ellbogen sprechen lassen? Im Gorki-Park aber, zwischen den Pferdchen des Kinderkarussells und den Chaiselongues in der Bar, in seiner »Grünen Schule« und längs der Fahrradwege plaudern die Menschen miteinander und lächeln die Wächter an!

Leichen werden hier jedenfalls nicht mehr gefunden wie einst im Politthriller Gorky Park: Der sowjetische Milizoffizier Renko war über gleich drei übel zugerichtete Opfer im Schnee gestolpert. Dieser Bestseller hat den Moskauer Park im Westen überhaupt erst berühmt gemacht.

Vor gut einem Jahr hat der Parkdirektor Sergej Kapkow begonnen, den Park aus seiner Düsternis zu befreien. Der Milliardär Roman Abramowitsch, Kapkow kennt ihn, gab Geld. Und später spendierte Moskaus Bürgermeister ein Sonderbudget. Seit dem vergangenen Herbst ist Olga Sacharowa die neue, energiegeladene Direktorin. Mit ihrem Team aus jungen Russen, von denen mancher die Sowjetunion nur aus dem Geschichtsbuch kennt, erfand sie den Gorki-Park neu: Nun zeigt sich auf 109 Hektar ein weltoffenes, tolerantes Russland.

Der Park spiegelt den Wandel der Verhältnisse in Moskau. Er zieht jenen wachsenden Mittelstand an, für den die Öffentlichkeit nicht Feindesland ist, sondern Bühne. Man ist selbstbewusst genug, um Lächeln oder Hilfsbereitschaft nicht als Schwäche zu verstehen. Für die Individualisten im Park stehen an den Tanzflächen Dockingstations bereit, damit jeder Musik aus dem eigenen iPod abspielen kann. Auf den Wiesen gibt es bunte Sitzkissen zum Hinfläzen, Säulen mit Steckdosen für Computer, mobiles Internet und Trinkwasserbrunnen. Viele derer, die seit Dezember gegen Präsident Wladimir Putin auf die Straße gehen, dürften sich im Gorki-Park wohlfühlen.

Olga Sacharowa – blumiges Sommerkleid, eine rote Dior-Brille – scheint ihnen wesensverwandt. Als gelernte Ingenieurin sollte sie den Fleischereibetrieb ihres Vaters übernehmen. Sie zog es vor, den Internet-Fernsehsender Doschd (»Regen«) mit aufzubauen. Junge Moskauer mögen ihn, weil er recht unparteiisch Journalismus betreibt. »Doschd hat keine Angst«, sagt Olga Sacharowa. »So können sich die Leute eine eigene Meinung bilden. Ich habe das Prinzip in den Park übernommen: Jeder soll selbst entscheiden, was er tun möchte.«

In den neunziger Jahren war der Gorki-Park zur Rummelbude verkommen, der Kapitalismus brachte Autoscooter, Achterbahnen und Bungeespringen; im Rauch der Kohlengrills dämmerten Schaschlikbuden und Plastikstühle. Und überall lag Müll. Dann der Umbruch: Erst flogen die Fahrgeschäfte raus, später die Buden; Asphalt wurde aufgebrochen, Bäume und Blumen wurden gepflanzt. Ein paar der Altlasten stehen noch: das illegale Caféhaus aus Holz, gegen das Olga Sacharowa klagt, der Pferdestall der früheren Bürgermeistergattin und die Polizeihundestaffel. »Wenn wir nichts dagegen tun können, beziehen wir es halt ein«, erzählt Olga Sacharowa. »Heute kann jeder, der möchte, das Training der Polizeihunde besuchen.«

Im Winter, so schwärmt sie, werden die Parkwege zur größten Eisbahn Europas geflutet. Und dann die neue »europäische Beleuchtung«! Gedämpft, mit Lämpchen am Wegrand. Bunte Lampions schaukeln über den Köpfen. Kein Flutlicht mehr wie früher.