Als Anne Burger an der Tür klingelt, hat sie die tote Tante in einer Tüte dabei. "Ich habe alles mitgebracht, bis auf den Spaten", sagt sie, als ihre Schwester öffnet. Die Schwester nickt. "Wir machen das am besten in der Garage." Anne Burger und ihre Schwester Ursula Schwarz werden gleich die tote Tante verschwinden lassen. Vor einem Monat starb sie, 94-jährig, ledig, kinderlos; sie schlief nachts ein und wachte am Morgen nicht mehr auf. In den letzten Jahren, als die Kraft nachließ und die Vergesslichkeit zunahm, hatten sich ihre Nichten um sie gekümmert. Und sie kümmern sich auch jetzt um sie.

Als die Tante verschied, tauchte die Frage auf, wer die Beerdigung bezahlen soll. Das wenige Geld, das sie früher besaß, war weg, über viele Monate in kleinen Summen überwiesen an eine dubiose Gewinnspielfirma, in der Hoffnung auf den großen Gewinn, der nie kam. Über viele Monate hatten die Nichten versucht, sie davon abzubringen. Doch die alte Frau beharrte darauf, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sie trotzte. Und als es nun darum ging, wie die Tante beerdigt werden soll, trotzten die Nichten. Sie entschieden, die Tante heimlich selbst zu begraben, preisgünstig und jenseits der strengen Regeln des Bestattungsgesetzes. "Wir sind auf die Idee gekommen, weil Freunde von uns die Asche der Mutter unter dem Baum vergraben haben, unter dem sie ihren Mann zum ersten Mal geküsst hatte", sagt Ursula Schwarz. "Das ist doch schön."

Das ist aber in Deutschland verboten. Deshalb sind alle Namen in diesem Text geändert. Urnen müssen in einer offiziellen Zeremonie auf Friedhöfen bestattet werden, an allen anderen Orten braucht man eine Sondergenehmigung. In der Regel wird die nur für Seebestattungen erteilt, nicht für ein Plätzchen im eigenen Garten oder auf dem Kaminsims.

In den Nachbarländern sind die Gesetze lockerer. Ein Bestatter überführte die Tante in ein nahegelegenes holländisches Krematorium. Hier können Angehörige die Urnen abholen, was in Deutschland nicht möglich ist – sie müssen nur unterschreiben, dass sie vorschriftsgemäß damit umgehen werden.

Anne Burger unterschrieb. Alles, was sie dann tat, entspricht nicht den Vorschriften. Sie packte die tote Tante in eine Tüte und stellte sie hinter den Beifahrersitz ihres VW Golfs. "Ich hab zur Tante gesagt: Jetzt musst du leider hinten sitzen, es geht nicht anders. Das wollte sie sonst nämlich nie." Dann fuhr sie los, die Tante über die Grenze zurück nach Deutschland schmuggeln. "Ich war vorher extra noch beim Blumenmarkt und habe den Kofferraum voll mit Pflanzen gepackt – falls mich einer anhält und fragt, was ich in Holland gemacht habe." Die Polizei kontrolliert häufig im deutsch-holländischen Grenzgebiet. Prompt landete Anne Burger in einer Kontrolle, wurde aber durchgewinkt. "Ich seh ja seriös aus", sagt sie mit rheinischer Melodie.

Seriös sehen die beiden Nichten tatsächlich aus, um die sechzig, Akademikerinnen, verheiratet, die Kinder sind aus dem Haus, in der Freizeit wird Golf oder Tennis gespielt oder mit den Männern zum Skifahren oder Tauchen gereist. Geld für eine gesetzeskonforme Beerdigung wäre eigentlich da. Aber da ist eben dieser Trotz, weil die Tante zu Lebzeiten nicht auf sie hören wollte und ihr Erspartes verspielte. Und da ist eine gewisse Freude am zivilen Ungehorsam. "Es ist schon etwas jeck", sagt Ursula Schwarz, "aber wir machen uns doch alle jeden Tag mit irgendetwas ein bisschen strafbar."

Auf dem Küchentisch holen die Nichten die Urne aus der Tüte mit dem Aufdruck eines Golfartikelladens. Eine Woche lang hatte sie in Anne Burgers Garderobenschrank gelagert: "Ich hatte die ganze Zeit Angst, dass die Putzfrau da zufällig reinschaut." Mit einem Schraubenzieher hebeln sie den Deckel des schwarzen Metallgefäßes auf, auf den Name, Geburts- und Todestag der Tante graviert sind. Mit dem Schraubenzieher rührt Burger in der Asche. Darin liegt der feuerfeste Schamottstein mit einer Nummer. "Der muss raus", sagt sie und greift hinein. Nicht dass doch jemand die illegale Bestattung entdeckt und zuordnen kann. "Und jetzt gehen wir in die Garage und füllen das um", erklärt Anne Burger und greift nach der Golftüte. "Die ist doch aus Plastik, die verrottet nicht", protestiert ihre Schwester, "ich hab noch Papiertüten für Biomüll."