Aber mitten in dieser Markthalle existiert eine Kneipe (Taverne), wo man 24 Stunden am Tag etwas Warmes zu essen kriegt, das Papandreou . Dieser moderne Kubus im karnivorischen Umfeld scheint auf den ersten Blick nicht einladend, ist aber mit Vatier in den Pariser Markthallen der sechziger Jahre zu vergleichen. Da sitzt man primitiv und isst authentische Hausmannskost. Ab und zu kommt ein Metzger mit blutbeschmierter Schürze, der wenige Meter vor den großen Fenstern tote Tiere zerteilt. Hier lernt der Tourist das Ritual griechischer Mahlzeiten kennen, dem er auch in bürgerlicheren Restaurants nicht entkommt. Und warum auch? Verglichen mit unserem Ein-Teller-Ritual ist es geradezu raffiniert.

Die erste große Beratung findet bei der Wahl der Vorspeisen statt. Da sollte man nicht pingelig sein und für vier Personen sechs Vorspeisen bestellen. Dazu gibt es nur Ouzo mit Wasser zu trinken. Ouzo, der Anisschnaps, wird in Miniflaschen serviert. Erst mit den Hauptgerichten kommt der Wein. Da hat man den besten Teil des Menüs hinter sich gebracht. Je nach der Kategorie des Restaurants sind das mehr oder weniger raffinierte Vorspeisen wie Fischrogenpüree, kleine Muscheln, eingelegte Anchovis, gebratene Sardinen, eingebackener Stockfisch, Auberginenmus, Spinatauflauf, Oktopussalat, Lammwürste und Kalbsklopse im Sauerkrautmantel. Es existieren davon hundert Variationen, je nach Landschaft und nach Talent des Kochs. Ob die Sitte, dazu keinen Wein, sondern diesen trüben Schnaps zu trinken, einen Sinn ergibt, muss der Tourist selber herausfinden. Die Hauptgerichte sind größtenteils in Tomatensauce gegart oder damit übergossen, was nur von Küchenchefs mit feiner Zunge gemeistert wird, die genauso selten sind wie bei uns. Die aber können dann sogar der unvermeidlichen Aubergine einen Wohlgeschmack abgewinnen. Süßspeisen haben keine Ähnlichkeit mit den künstlerischen Arrangements unserer Konditoren, sondern sind rustikal, aber unwiderstehlich lecker.

Danach empfiehlt sich der obligate Aufstieg zur Akropolis. Mit dem Taxi (das in Athen billig ist) kann man bis dorthin fahren, wo japanische Invasoren ihre Kameras ausprobieren. Die letzten 200 Meter klettere ich über Stein und Marmor ("Don’t touch the marble") zum ältesten Symbol europäischer Kultur empor. Passendes Schuhwerk ist unbedingt erforderlich! Wie beim Kölner Dom, der Frauenkirche oder wo sonst der Geist der Antike weht, banalisieren Gerüste und Kräne den feierlichen Eindruck. Auffallend auch hier, wie ungewöhnlich gepflegt das Areal ist, trotz der vielen Schulklassen.

Nur 400 Meter entfernt, unterhalb des heiligen Felsens, ist 2007 das neue Akropolismuseum gebaut worden. Es ist hell und luftig und enthält die wertvollen Trümmer, welche Zeugnis ablegen von der Größe Athens. An das unvorteilhafte Grau der Wände muss man sich gewöhnen; mit dem Eintrittspreis von zwölf Euro versucht der Staat den Bankrott hinauszuschieben.

Unter dem allgemeinen Sparen leidet vor allem die Gastronomie, halb leere Restaurants verbreiten nicht gerade jene orgiastische Stimmung, die der Tourist in einer griechischen Taverne erwartet. Im Café Avissinia hat das wenig gestört. Diese Kneipe befindet sich inmitten des Flohmarkts im Stadtteil Plaka. Eine Schatzkammer, auf deren zwei Etagen Werke der Athener Boheme zu bewundern sind und an den Wochenenden Livemusik gespielt wird. Die Küche hat viel zu bieten, von Vorspeisen bis zu scharfen Verdauungsschnäpsen. Das Personal ist, wie überall in der Stadt, von großer Herzlichkeit, die Preise sind niedrig, und wer eine Duellpistole braucht, findet welche an den Ständen vor der Tür. Die Taverne ist einmalig und repräsentiert authentische griechische Küche, wie es keine Operninszenierung besser könnte.

Wie deren verfeinerte, moderne Version aussehen kann, erfährt man bei Papadakis im eleganten Kolonaki-Viertel. Dort sind die engen, steilen Straßen mit Orangenbäumen gesäumt, und so mancher Hausbesitzer hat das Nachbarhaus gekauft und dessen oberstes Stockwerk abreißen lassen, damit er einen besseren Blick auf die Akropolis hat. Das kleine Restaurant, in dem nicht selten Regierungsmitglieder gesehen werden, macht bei aller Modernität einen bescheidenen Eindruck. Nur die weißen Tischtücher – hier in der Gastronomie so selten wie Männer mit Krawatten – und die kostbaren Blumengebinde deuten auf das Besondere hin. Erst wenn man die verschiedenen Vorspeisen probiert hat, ahnt man, dass der Ehrgeiz der Köche groß sein muss. Da sind die Stücke vom Oktopus in Honig gegart, gibt es das Fleisch von Seeigeln, perfekte Babycalamares, gebackene Shrimps im Salat, was alles – das muss auch gesagt werden – deutlich feiner schmeckt als die Hausmannskost in den Tavernen. Spätestens wenn man sieht, wie Franzosen am Nachbartisch eine riesige Languste verzehren, und hausgemachten Erdbeerlikör aus edlen Flakons zum Dessert trinkt, wird einem bewusst, dass auch in Athen die Verfeinerung möglich ist.

Modern auf großstädtische Weise geht es im Vlassis zu, einer Oenotheka. Nicht die tadellose Küche ist hier der Mittelpunkt, sondern die Weinkarte. Sie bietet einen Überblick über griechische Weine aus den verschiedensten Regionen, zwischen denen ab und zu ein paar große Franzosen auftauchen wie Château Rayas und Coulée de Serrant . Das sind dann auch die Flaschen, welche den hier sonst selten strapazierten Etat sprengen. Nur den harzigen Retsina haben sie nicht. Er ist aus der Mode gekommen (und wahrscheinlich auch nicht EU-kompatibel); niemand scheint ihn zu vermissen.