Drei Punkmusikerinnen hat es also gebraucht, um zu sehen, was viele jahrelang übersehen wollten: dass aus Wladimir Putin nie ein Demokrat werden, sondern dass er ein Mann der Härte bleiben würde.

Sie, Mitglieder der feministischen Punkband Pussy Riot, haben krachend ihre Verachtung gegen Staat und Kirche herausgebrüllt und mussten ein Gerichtsverfahren über sich ergehen lassen, von dem eine der Frauen sagte: "Wie konnte unser Auftritt, eine kleine und etwas unsinnige Aktion, zu so einem Frevel werden?" Weil diese Frauen jung, hübsch und plakativ sind, ist ihr Auftritt nicht nur zu einem russischen Frevel, sondern zu einer globalen Sache geworden: Fast wie ein Produkt werden sie vermarktet, auf das Unterhaltungsindustrie und Medien anspringen. Madonna solidarisierte sich bei ihrem Konzert in St. Petersburg mit Pussy Riot, in Deutschland erklären Künstler von Peaches bis Udo Lindenberg ihre Unterstützung; die Gesichter der Frauen sind weltweit auf Titelblättern zu sehen, und jeder kann sich für knapp 15 Euro ein Pussy-Riot- T-Shirt im Internet bestellen.

In Putins Russland gibt es auch den Widerspruch. Nun ist er unüberhörbar

Man kann die enorme Aufmerksamkeit, die diesen Frauen entgegengebracht wird, für übertrieben halten – aber sie legt offen, dass sich insbesondere Deutschland jahrelang, bestimmt von eigenen Interessen und Gleichgültigkeit, bis hin zur Komplizenschaft auf ein System verlassen hat, das Stabilität versprach, auch wenn diese Stabilität mittlerweile Polizeigewalt, Behördenwillkür und Korruption bedeutet; ein System, in dem Gegner systematisch unterdrückt wurden. Politische Querulanten berichteten noch vor wenigen Jahren von Zwangseinlieferungen in Psychiatrien, Dissidenten wurden getötet, aber ihre Mörder (meistens) nicht gefunden. In dem Konferenzraum der oppositionellen Zeitung Nowaja Gaseta hängen über dem Tisch schwarz gerahmte Porträtbilder. Erst war es eins, dann waren es zwei und irgendwann sechs. Sie zeigen Kollegen – Anwälte, Menschenrechtsaktivisten, Redakteure –, die ihre Arbeit verrichteten und dafür umgebracht wurden. Spätestens als die Journalistin Anna Politkowskaja, Mutter zweier Kinder, vor sechs Jahren getötet wurde und ihr Tod weltweit schockierte, hofften einige: So vergeblich kann ihr Tod nicht gewesen sein, als dass er durch die Aufmerksamkeit, die er erregte, nicht andere schützen würde. Das muss der Tiefpunkt gewesen sein, tiefer kann es nicht gehen.

Doch, es ging tiefer. Seitdem ließen drei weitere ihrer Kollegen ihr Leben, zwei von ihnen am helllichten Tag auf offener Straße in Moskau. Und erst vor wenigen Wochen wurde der stellvertretende Chefredakteur der Gaseta von Sicherheitsbehörden in einen Wald verschleppt. Dort habe ihm der russische Chefermittler mit dem Tod gedroht. Wie sicher muss sich ein Beamter fühlen, um das zu tun?

Als nach der Wahl im März das zwölfte Jahr von Putins Herrschaft anbrach, war die Hoffnung groß, dass er diesmal einlenken würde. Tatsächlich gab er sich zunächst gesprächsbereiter, nachgiebiger. Und könnte ein frisch gewählter Machthaber ignorieren, dass Zigtausende über Monate bei klirrender Kälte auf die Straße gingen? Könnte er ignorieren, dass in anderen Teilen der Welt Herrschende stürzten, weil sie die Massen auf den Straßen missachteten?

Putin ignorierte all das nicht bloß, er verbot. Er hat in kürzester Zeit alle Gesetze verschärfen lassen, die für mehr Öffnung stehen könnten: Die Nichtregierungsorganisationen können ihre Arbeit kaum noch erledigen, ohne der Auslandsspionage verdächtigt zu werden; die Versammlungsfreiheit hat er massiv einschränken lassen, die Strafen für Verleumdung drastisch erhöht, Internetseiten sollen künftig gesperrt werden können; er ließ Demonstranten verhaften, Anklage gegen Blogger erheben und eben die Frauen von Pussy Riot in einem Gericht vorführen.

Doch die Kritik, die Putin nicht ertragen will, lässt sich nicht verhindern. Sein System war niemals eine lupenreine Demokratie – aber er herrscht auch nicht in einer lupenreinen Diktatur. In Putins Russland gab es immer auch den Widerspruch: Es gibt kaum Wettbewerb, aber Wahlen mit oppositionellen Parteien. Es gibt kaum Versammlungsfreiheit, aber dennoch Gegner, die auf die Straße gehen. Es gibt kaum freie Medien, aber Kritik, die lauter und lauter wird.

Seit über einem halben Jahr ist dieser Widerspruch ziemlich laut. Er wird anders als zuvor für alle – Medien wie Regierungen – sichtbar auf der Straße ausgetragen. Das ist neu. Die Hoffnung, dass ein System, das zugleich offen ist und repressiv, unterdrückerisch und pluralistisch, irgendwann von selbst freier sein werde, hat Putin zu zerschlagen versucht. Doch die Jungen, die jetzt auf die Straße gehen, lassen sie wieder aufleben. In diesen Tagen entstehen in Moskau spontane Demonstrationen und Solidaritätstreffen – der Prozess gegen Pussy Riot politisiert selbst jene, die den Auftritt dieser Frauen ziemlich albern fanden. Nun spüren sie, dass es um mehr geht als eine Punkband.

Diese Anti-Putin-Bewegung ist in der Minderheit, sie zieht ein urbanes, gebildetes, junges und sprunghaftes Publikum an, das sich womöglich bald wieder resigniert abwenden wird. Ganz verschwinden jedoch werden diese Aktivisten, Punkerinnen, Blogger und Demonstranten nicht – wenn sie denn wahrgenommen werden.

Die Hoffnung, die Russland derzeit hat, sind diese Leute. Der einzige Schutz, den diese Leute haben, ist ein Westen, der an mehr als nur an gute Geschäfte mit Russland glaubt.

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