Alles war perfekt und stilvoll vorbereitet für den Erfolg der österreichischen Olympioniken in London. Im Keller des Österreich-Hauses an der Themse lagen tiefgekühlte Sachertorten für die Medaillengewinner bereit. Und dann diese Bilanz: 0/0/0. Erst zum zweiten Mal nach 1964 in Tokio ist das passiert. Seitdem fliegen im Streit über die Ursachen für die Pleite die Fetzen – zwischen Politikern, Funktionären, den Besserwissern und Sportverstehern dieser Republik. Und das, obwohl das Land doch in einer Spezialdisziplin Gold geholt hat: im alpinen Zweikampf Bierzapfen und zünftige Schmankerln in Tracht servieren.

Zum ersten Mal war das Österreich-Haus für alle Besucher geöffnet. Staunende Briten konnten dort wettjodeln, um einen Winterurlaub zu gewinnen, auf einem Sessellift posieren und sich zu den Après-Ski-Hits Anton aus Tirol und Zehn nackte Friseusen um vier Pfund pro Krügel Bier die Kante geben – billiger als in den Pubs der Umgebung. Beim "Lockersein" könne niemand mit Österreich konkurrieren, triumphierte Joe Margreiter, der Chef der Tirol-Werbung, welche die Ehre des Landes bei den Spielen rettete.

Dennoch gehen die Diskussionen weiter. Wer oder was ist schuld an dem sportlichen Armageddon? Zu wenig Schulsport, sagt etwa Volleyball-Verbandspräsident Peter Kleinmann. "Wozu Latein?", hatte einst schon Hans Krankl gefragt und empfohlen: "Mathematik kürzen". Hirn ausschalten, Medaillen holen. Ist doch ganz einfach.

Andere Kommentatoren meinen, zu viele Talente blieben unentdeckt und das Geld würde verschwendet. Als Hauptproblem nannte Schwimmer Dinko Jukic, es gäbe zu viele Funktionäre, die nicht für den Sport, sondern vom Sport lebten. "Er hat zu hundert Prozent recht", sagt Susanne Riess, von 2000 bis 2002 FPÖ-Vizekanzlerin und Sportministerin. "Aber sagen darf er es nicht, sonst kommt er auf eine Liste der Aufmüpfigen, Lästigen und Widerborstigen. Wenn das Trainer machen wie der Judoka und zweifache Goldmedaillengewinner Peter Seisenbacher, werden sie verabschiedet."

Sie habe jüngst viele Déjà-vus erlebt, erzählt Riess. Die Debatte schade dem Sport, denn dadurch werde verhindert, dass sich alle an einen Tisch setzen, um die nötigen Schritte zu besprechen: "Eine Spirale, die immer schlimmer wird, so wie sich die politische Kultur auch nicht gerade positiv entwickelt." Die Boulevardmedien verpassen der Sportnation derweil einen Tiefschlag nach dem anderen. "Für immer hinter Botswana?", fragte sich eine Gratiszeitung. Das sei "Färöer und Düdelingen zum Quadrat", behauptete die Kronen Zeitung.

Ein Dachverband genüge, sagt Riess, und fordert weniger Polit-Einfluss

Die Zeitung Österreich legte mit "Team der Schande" nach, schmähte die Sportler "Olympia-Touristen". Das Copyright für diese Bezeichnung liegt aber bei Sportminister Norbert Darabos. Bundespräsident Heinz Fischer, der Schirmherr des Olympischen Komitees, musste schließlich die Stimmung ein wenig beruhigen: "Die Zahl der Medaillen ist mit Sicherheit kein Maßstab für die Qualität einer Gesellschaft." Auch das musste einmal gesagt werden.

Für Exministerin Susanne Riess, heute Generaldirektorin von Wüstenrot, ist der österreichische Sport in zu viele Bereiche aufgesplittert: "Jeder arbeitet nach bestem Gewissen, aber sicher mit unterschiedlicher Kompetenz. Das ist wahnsinnig unkoordiniert. Ich bin immer daran gescheitert, dass jeder Versuch, eine bessere Steuerung vorzunehmen, als zentraler Eingriff in die Autonomie der Sportorganisationen angesehen wurde." Die Streitereien innerhalb dieser Sportorganisationen wolle sie erst gar nicht beschreiben. Wie in politischen Parteien gehe es dort teilweise zu.

Es gibt genügend Talente und Geld in Österreich. Probleme bereiten das Dickicht des Förderdschungels und starke Länder, bei denen die eigentliche Sportkompetenz liegt. Die für den Breitensport zuständigen Dachverbände Sportunion (ÖVP-dominiert) sowie ASKÖ und ASVÖ (SPÖ-dominiert) bekommen den Löwenanteil des gesetzlich fixierten Betrags, der jedes Jahr aus den Einnahmen des Glücksspiels sprudelt – derzeit 80 Millionen Euro. Gemeinsam mit den Fachverbänden, die auch ihren Anteil bekommen, gehören sie der Bundessportorganisation an. Dazu kommt die jährlich gesondert budgetierte Sportförderung – für Großveranstaltungen, Sonderaktionen und den Spitzensport. In diesem Jahr beträgt der Posten 50 Millionen Euro. Das gesamte Sportbudget des Bundes beläuft sich 2012 demnach auf 130 Millionen. Die Förderungen der Länder machen ein Vielfaches davon aus.

Die Einflussmöglichkeiten des Ministers für Landesverteidigung und Sport sind limitiert. Immerhin besitzt er mit dem Heeressportzentrum und dem Sonderkader "Team Rot-Weiß-Rot" Möglichkeiten zur Spitzensportförderung. Auch an der Sporthilfe, die private Gelder beschafft, ist das Ministerium beteiligt. Dem ÖOC obliegt die Aufgabe, die Entsendung der Sportler zu Olympischen Spielen abzuwickeln. Nun wird über eine Neuverteilung der Pfründen gerangelt. Darabos spricht von einer "Akte Rio" und kündigt an, in Zukunft "Prime-Sportarten", in denen begründete Medaillenhoffnungen bestehen, stärker fördern zu wollen.

Susanne Riess wünscht sich hingegen weniger politischen Einfluss: "Ein Dachverband würde mit Sicherheit genügen. Es braucht mehr Mitsprache für aktive Sportler, die überhaupt nichts zu reden haben. Das Ganze auf dem Rücken der Athleten auszutragen ist die größte Unverfrorenheit." Mit vielen Sportlern, die vor dem letzten großen Schritt in ihrer Karriere aufgegeben hätten, habe sie heute noch Kontakt: "Es war ihnen zu mühsam, diese Bettelei. Es ist ja auch die Form der Auswahlkriterien für Förderungen hinterfragenswert, weil es keine klaren Parameter gibt."

Die nächsten Sommerspiele finden 2016 in Rio de Janeiro statt. Dass es dort Favelas gibt, hat der ORF bereits kritisch berichtet. Aber er wird schon ein Plätzchen finden für ein Patrioten-Studio in der Nähe des Österreich-Hauses. Bier und Sauerkraut werden dort wieder vorzüglich sein. Und die Stimmung bestimmt auch, die Goldmedaille für Gemütlichkeit ist ungefährdet.