Doch dann trat Johann Gustav Hermes auf den Plan. Geboren wurde er am 20. Juni 1846 im ostpreußischen Königsberg, wo er auch studierte; 1870/71 nahm er am Deutsch-Französischen Krieg teil, 1872 legte er sein Staatsexamen in Mathematik ab und ging danach in den Schuldienst. Nebenbei promovierte er 1879 in Königsberg mit einer kleinen, noch recht unverbindlichen Arbeit zum Problem der Kreisteilung. Vielleicht hat er sein Faible für diese Thematik direkt von Richelot geerbt, der Professor in Königsberg war, als Hermes dort studierte. Seine Dissertation hatte jedenfalls noch nichts mit dem Koffer zu tun und auch nicht mit Göttingen, obwohl sich dieses Gerücht hartnäckig hält.

Die Doktorarbeit ist für Hermes jedoch auch nur die Vorarbeit für ein viel abenteuerlicheres Projekt, das er am 4. November 1879 beginnt: sein Diarium zur Kreisteilung. Zehn Jahre lang wird er daran arbeiten, in den Mußestunden nach dem täglichen Unterricht am Progymnasium des Königlichen Waisenhauses in Königsberg. Er schreibt und zeichnet großformatige Blätter voll, legt filigrane Tabellen an, gibt Beispielkonstruktionen an und ergeht sich in endlosen Rechnungen und Zahlenkolonnen. 1889 ist er fertig. Die letzte beschriebene Seite trägt die Nummer 221. Er lässt den Papierstoß binden und jenen berühmten Spezialkoffer anfertigen, auf dem mit großen Buchstaben die Kennung »J. Hermes« geschrieben steht.

Was dann genau geschieht, ist nicht ganz klar. Vielleicht versucht Hermes, das Ergebnis seiner zehn Jahre dauernden Bemühungen publik zu machen. Doch auf viel Resonanz stößt er nicht. Die meisten Mathematiker dürften sein Großprojekt als Banalität abgetan haben. So soll sich der große Mathematiker David Hilbert , der wie Hermes aus Königsberg stammt, nur höhnisch über dessen Bemühungen lustig gemacht haben.

Felix Klein ist offenbar der einzige ernsthafte Mathematiker, der sich für Hermes’ Problem und den Koffer interessiert . Denn Klein ist damals bekannt dafür, dass er ein besonderes Interesse an der Schulmathematik hat. Vermutlich war er für einen hauptberuflichen Lehrer wie Hermes daher zugänglicher als andere Koryphäen. Verbürgt ist jedenfalls, dass Felix Klein im Frühjahr 1894 an der Göttinger Akademie der Wissenschaften eine von Hermes angefertigte 17-seitige Zusammenfassung des Projekts präsentiert (»Ueber die Teilung des Kreises in 65.537 gleiche Teile«), die anschließend auch gedruckt wird. Die Abhandlung, die als Einstieg in die Wunderwelt des Diariums gedacht ist, bezieht sich dabei mehrfach auf den Inhalt des Koffers. Diesen hat Hermes damals schon an das Göttinger Institut übergeben, wie er explizit vermerkt.

Dort liegt er heute noch. Gezeigt wird die mathematische Rarität allerdings nur noch in Ausnahmefällen, denn ihr konservatorischer Zustand ist bedenklich. Doch für die ZEIT machen die Mathematiker Jörg Brüdern und Thomas Schick eine Ausnahme. Behutsam heben sie das schwere Konvolut aus dem Koffer heraus auf einen Tisch der Institutsbibliothek und wenden respektvoll die Seiten um. Knapp 125 Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Dennoch wirkt das Ganze noch immer äußerst ästhetisch. Ein filigranes Geflecht von Punkten, Linien und Kreisen breitet sich über die Seiten aus, verziert mit Anmerkungen und Erläuterungen in gut lesbarer Kurrentschrift. Dazu kommt eine Flut von Tabellen, Rechnungen und Koeffizientenschemata, die sich am Ende zu einem Zahlen- und Symbolmix gewaltigen Ausmaßes fügen.

Was hat Hermes da im Einzelnen gemacht? Brüdern und Schick mühen sich redlich, einen Sinn in die Tabellen hineinzulesen – »Das hier sieht so aus, als ob er eine Einheitswurzel konstruiert hat und die nächste konstruieren will. Jetzt sucht er denjenigen Kreis, der hier richtig teilt«. Doch der Großteil der Rechnungen erschließt sich weder auf den ersten noch auf den zweiten oder dritten Blick. »Unser Kollege Benno Artmann hat sich das mal näher angeschaut«, sagt Schick. »Der hätte vielleicht mehr sagen können – aber er ist leider 2010 verstorben.«

Hermes’ Diarium findet auch keinen glorreichen Abschluss, es mündet nicht in ein triumphales »Heureka!« oder ein »quod erat demonstrandum« – es gab ja auch nichts Neues zu vermelden. Auf Seite 221 ist es einfach zu Ende.

Die Reaktion der Fachwelt fällt verhalten aus. Nach Hermes’ 17-seitigem Aufsatz von 1894 verzeichnet die Literatur gerade mal eine einzige Rezension in einem Fachjournal; sie stammt von Hermann Minkowski und ist weniger als zweieinhalb Zeilen lang.

Felix Klein erwähnt Hermes 1895 noch einmal etwas ausführlicher in seinen Vorträgen über ausgewählte Fragen der Elementargeometrie. Ansonsten verläuft dessen weiterer Lebensweg eher unaufgeregt. 1893 zieht er vom Osten des Reichs in den Westen um und nimmt eine Stelle als Oberlehrer in Lingen im Emsland an. 1899 wird er Direktor des Königlichen Realgymnasiums in Osnabrück. 1906 lässt er sich aus gesundheitlichen Gründen pensionieren, am 8. Juni 1912 stirbt Hermes in Bad Oeynhausen.

Was ihn zu seinem manisch ausgeführten Lebensprojekt getrieben hat, ist nach wie vor schwer zu erklären. Vielleicht war ihm das 65.537-Eck einfach ein leidenschaftliches Hobby, so wie andere Menschen sich für Balkonpflanzen oder das Sammeln von Briefmarken begeistern? Auf jeden Fall hat Hermes ein eindrucksvolles Beispiel für die Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit des menschlichen Geistes gegeben. Dass ihm das wichtig war, darauf deuten die Schlussworte der Rede hin, die er zum Antritt seiner Direktorenstelle in Osnabrück hielt: »Geduld ist die Pforte der Freude. On peut tout atteindre, si l’on sait attendre!« – Man kann alles erreichen, wenn man nur zu warten versteht.

Vollständig nachgerechnet hat Hermes’ Kofferkonvolut bisher niemand. Wozu auch? Wenn man wollte, könnte man heute die Konstruktion recht problemlos mit einem Computer programmieren. Doch wer braucht schon ein regelmäßiges 65.537-Eck ? Für die Mathematik ist die Sache nicht mehr als eine Fußnote. Und doch erzählt der eng beschriebene Papierstapel eine Geschichte voller Leidenschaft und Enthusiasmus, ohne die Wissenschaft auch heute undenkbar wäre. Erst vor Kurzem erschien im Journal of Pure and Applied Algebra der Aufsatz eines französischen Mathematikers, der seiner Arbeit (zu einem anderen algebraischen Thema) ausdrücklich eine Widmung an Hermes und sein »wunderbares Kunstwerk aus Zahlen und Zeichnungen« vorangestellt hat.