Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi hat die Führung des mächtigen Militärs ausgewechselt. Außerdem setzte Mursi die Verfassungszusätze des Hohen Militärrats außer Kraft; er ernannte eine neue Führung für Armee und Sicherheitskräfte und gab sich selbst umfassende Vollmachten. Mohammed Mursi öffnet ein neues Kapitel der ägyptischen Revolution. Hat das Land nun einen neuen starken Mann?

Jedenfalls hat Mursi Kritiker und viele Weggefährten überrascht. Der gelernte Ingenieur galt als zögerlich, unentschlossen, bürokratisch. Doch als gewählter Präsident zeigt Mursi eine andere Seite. Als auf der Sinai-Halbinsel radikale Islamisten ägyptische Grenzposten und israelisches Territorium angriffen, befahl er ein hartes Durchgreifen. Der Islamist aus den Reihen der Muslimbrüder lässt radikal-militante Islamisten beschießen. Im instabilen Sinai bekämpft Mursi heute Probleme, die die Armeeführung bisher nicht lösen konnte.

Das gibt Selbstvertrauen. Mursi fühlte sich stark genug, um schließlich den Armeechef Mohammed Tantawi und seinen Stellvertreter zu entlassen. Jenen Feldmarschall, der Ägypten seit dem Sturz des Herrschers Hosni Mubarak mehr schlecht als recht geführt hatte. Als Zeichen der neuen Zeit ernannte Mursi einen Vizepräsidenten, der ein renommierter Jurist und Gegner des Mubarak-Regimes ist. In einer Verfassungserklärung gab Mursi sich selbst neue Vollmachten. Er kann Gesetze erlassen. Er darf die verfassunggebende Versammlung neu bestimmen. Er ist die erste und letzte Autorität in Ägypten. Diese Rechte hatte sich noch vor der Präsidentenwahl im Juni der Hohe Militärrat reserviert.

Mursi dreht nun das Kräfteverhältnis um: Nicht ein halbstarker Präsident tanzt nach der Pfeife des übermächtigen Militärs, sondern der vom Volk gewählte Präsident bestimmt, was das Militär zu tun hat. Hier zeichnet sich das Ende der ägyptischen Ordnung von 1952 ab, als die Freien Offiziere mit Gamal Abdel Nasser die moderne Militärherrschaft begründeten. Mursi bekam viel Beifall von den revolutionären Kräften in Ägypten. Doch manche fürchten, er würde nun zum gewählten Alleinherrscher Möglich wäre dies. Schon jetzt beklagen Journalisten, die den Muslimbrüdern kritisch gegenüberstehen, Gängelung und Zensurversuche. Die Ängste gehen noch weiter: Mursi könnte in die verfassunggebende Versammlung mehr Islamisten berufen. Er könnte auch die Wahl des Parlamentes nach Inkrafttreten der neuen Verfassung hinauszögern, sodass er selbst noch länger Gesetzgeber bliebe. Er könnte die gesamte Beamtenelite austauschen. Als Gesetzgeber und Herrscher in einem revolutionären Land hat er tatsächlich unbegrenzte Macht.

Doch wird er diese Macht nicht für einen unbegrenzten Zeitraum behalten können. Bei fortgesetzter Amtsanmaßung kann das ägyptische Verfassungsgericht Mursi in die Schranken weisen. Schon die Entlassung der hohen Militärführung ist juristisch durchaus umstritten. Dass es in der Armee keinen Aufschrei gab, zeigt auch, dass Mursi seine Schritte mit Teilen der Armeeführung zuvor absprechen musste. Tantawi und sein Stellvertreter wurden mit Ehren und Pensionen in den Ruhestand entlassen. Die neue Führung ist so neu nicht. Es ist die zweite Reihe der Generalität. Die Armee behält vorerst ihre Wirtschaftsprivilegien. Auch muss Mursi damit rechnen, dass die zahlreichen Anhänger des Militärs, die säkularen Ägypter, Kopten und die liberalen Aktivisten auf der Straße stehen, sollte er seine Macht in den kommenden Monaten missbrauchen.

Neben dem Präsidenten gibt es weitere Machtfaktoren, die für das Schicksal des Landes entscheidend sind. Mursi wird weiter mit Armee und Revolutionären verhandeln müssen – nur von heute an aus einer sehr starken Position heraus.