Eine amerikanische Regel besagt: Es kommt allein auf die Präsidentschaftskandidaten an, ihre Vize haben kaum Einfluss auf den Ausgang der Wahl. Dieses Mal könnte es anders sein. Denn Barack Obamas republikanischer Herausforderer Mitt Romney hat den Kongressabgeordneten Paul Ryan aus Wisconsin zu seinem Stellvertreter gekürt. Der 42-Jährige spaltet mit seinem marktradikalen Programm die Nation wie kein Zweiter.

Ginge es nach Ryan, würde der Staat weitgehend aus Wirtschaft und Gesellschaft zurückgedrängt, träten Eigenverantwortung und Egoismus an die Stelle von Gemeinsinn und Solidarität. Ryan will die Steuern weiter senken, der Fiskus soll Millionäre auch weiterhin begünstigen. Die erdrückende Schuldenlast von rund 15 Billionen Dollar will Ryan mit dramatischen Kürzungen in Bildung, Forschung und Wohlfahrt abbauen. Vor allem aber möchte er den teuren Sozialsystemen zu Leibe rücken und sie teilweise privatisieren. Im Visier hat er in erster Linie die staatliche Krankenkasse Medicare, die Rentner ab 65 versorgt, und die Krankenversicherung für Arme, Medicaid.

Ob dieses forschen Programms feiern die einen Ryan als einen konservativen Revolutionär und geißeln die anderen ihn als Totengräber des amerikanischen Wohlfahrtssystems. Dank Ryan hat Obama jetzt bekommen, was er sich sehnlich wünschte: einen Wahlkampf, der sich nicht um seine Job-Bilanz dreht, sondern um zwei fundamental unterschiedliche Gesellschaftsvisionen. Ryan ist das neue Feindbild der Demokraten. Aber er ist durchaus ein ernst zu nehmender Gegner. Für seinen 73 Seiten umfassenden Plan mit dem Titel "Der Weg zum Wohlstand" hat er viel studiert und viel gerechnet. Selbst seine zahlreichen Gegner zollen seinem Intellekt Respekt und konzedieren, dass Ryan wie kaum ein Zweiter die Courage zeigt, Amerikas verdrängte Probleme wie den Schuldenberg und die überlasteten Sozialsysteme direkt anzugehen. Obama wird dem Ryan-Plan eine eigene Vision für die Gesundung Amerikas gegenüberstellen müssen. Sonst läuft der Präsident Gefahr, dass die Wähler den radikalen Wagemut seiner Konkurrenten honorieren.

Paul Ryan steht mit seinen Vorstellungen von der Zukunft Amerikas keineswegs allein da. Er findet großen Widerhall in der Republikanischen Partei und der rechten Tea-Party-Bewegung. In einflussreichen politischen Kreisen gilt Ryan als ein konservativer Vordenker. Gleichwohl wirkt er im Zusammenspiel mit Romney wie der Bannerträger einer gesellschaftlichen Gruppe, die um ihre Vormacht bangt. In einem bunter, liberaler und weiblicher werdenden Amerika erscheinen diese beiden reaktionären weißen Männer aus dem Norden wie das letzte Aufgebot der Angloamerikaner.

Mit der Wahl seines Vizes hat sich Mitt Romney zwangsläufig auch den Ryan-Plan zu eigen gemacht. Darin liegt ein gewaltiges Risiko. Denn laut Umfragen haben viele Amerikaner zwar wenig übrig für Staat und Regierung, aber eine überwältigende Mehrheit, acht von zehn Wählern, wehrt sich entschieden gegen radikale Veränderungen bei Medicare. Ebenso stoßen die Steuergeschenke für Millionäre und drastische Kürzungen bei den Sozialausgaben auf Widerstand. Die Republikaner laufen darum Gefahr, dass ihnen einige Wähler von der Fahne gehen, die bislang treu zu ihnen standen: Rentner und konservative Arbeiter. Und vielleicht ahnt Paul Ryan das sogar. Bei einem kleinen privaten Mittagessen am Rande von Milwaukee antwortete er vor einiger Zeit auf die Frage, ob er bei der Wahl 2012 wenn nicht gleich Präsidentschaftskandidat, dann doch zumindest Vizekandidat werden könnte, ebenso ironisch wie hintersinnig: "Ein als Sozialdarwinist verschriener Mann wie ich? Das ist riskant."