Wenn der eine Comic fertig ist und der nächste noch nicht begonnen hat, dann packt Simon Schwartz die Unruhe. "Ich kann es kaum erwarten, eine neue Geschichte zu beginnen", sagt der 29-Jährige mit der großen, schwarz umrandeten Brille. Er muss einfach Comics zeichnen . Das ist der Grund, warum es Schwartz immer wieder an seinen Schreibtisch treibt. Denn eigentlich hatte er nach dem ersten Comic große Zweifel. "Es ist völliger Irrsinn und ökonomischer Wahnsinn, sich jahrelang an so ein Buch zu setzen", sagt er.

Dabei war sein erster Comic drüben! über die deutsche Teilung preisgekrönt. Er war seine Abschlussarbeit im Studiengang Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW). Schwartz arbeitet als freier Illustrator in einer Ateliergemeinschaft in der Hansestadt. Von seiner Holztischplatte aus hat er sich in den letzten zweieinhalb Jahren in die Arktis versetzt, zusammen mit der Hauptfigur seines zweiten Comics, dem schwarzen Polarforscher Matthew Henson. Packeis erzählt die Geschichte vom ersten Menschen am Nordpol, ist jüngst im avant-verlag erschienen und hat den Max-und-Moritz-Preis als bester deutschsprachiger Comic gewonnen.

War es vor einigen Jahren noch ungewöhnlich, einen Comic als Abschlussarbeit an einer Hochschule einzureichen, ist das heute keine Seltenheit mehr. Der Comic erfährt in Deutschland viel Aufwind. Er wird in den Feuilletons besprochen, und auch große Verlage wie Suhrkamp nehmen Comics ins Programm. Längst ist er nicht mehr nur ein Heft mit lustigen Tiergeschichten, Superhelden und Science-Fiction-Storys. Heute umfasst er Sachbuch, Belletristik, Kriminalgeschichten, historische Erzählungen, Märchen, Unterhaltung. "Die Bildergeschichte ist wie eine Universalsprache", sagt Dietrich Grünewald, Professor für Kunstdidaktik und Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Comicforschung. "Sie spricht viele an, und sie kann über vieles sprechen." An den Universitäten hätten Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft oder Geschichte den Comic in die eigene Forschung integriert", sagt Grünewald.

Comics sind wieder gefragt

Und auch die Verkaufszahlen werden besser. Früher ging der Comic vor allem im Fachhandel über die Theke, heute laufen zwei Drittel der Verkäufe über den Buchhandel. Dort rangiert der Comic unter dem Label Graphic Novel. Die Bezeichnung sei eigentlich ein Marketingtrick, sagt Dirk Rehm, Gründer des Comic-Verlages Reprodukt. Sie soll verdeutlichen, dass der Comic nicht nur ein lustiges Heft, sondern auch eine sorgfältig konzipierte Geschichte über eine Strecke von mehreren Hundert Seiten sein kann.

Sogar das Goethe-Institut fördert seit einigen Jahren den deutschsprachigen Comic und seine Künstler mit Wanderausstellungen in Paris, Brasilien oder Singapur.

Viele Comiczeichner haben ihr Handwerk an einer Hochschule gelernt. An der Kunsthochschule Kassel gibt es schon seit fast zehn Jahren einen Schwerpunkt Comic im Studiengang Visuelle Illustration. Der Comic beinhalte "alle Disziplinen der visuellen Kommunikation", sagt der Professor des Studienbereichs, Hendrik Dorgathen. Das Wesentliche sei die Geschichte, weniger das Zeichnen, sagt Dorgathen.

Auch bei Simon Schwartz kommt am Anfang die Geschichte. Für seinen Protagonisten Henson aus Packeis recherchierte er zunächst gründlich und sammelte Zeitungsausschnitte, Fotos, Bücher, Comics. Schwartz arbeitet immer an vielen Kapiteln gleichzeitig. Erst am Ende fügt sich alles zu einem Ganzen.